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Sokol wird 155

Die tschechische Turnbewegung hat eine bewegte Geschichte
Von David Binar

Die tschechische Turnbewegung Sokol feiert ihren 155. Geburtstag. Gegründet wurde sie am 16. Februar 1862 von Miroslav Tyrš und Jindřich Fügner. Der Name Sokol wurde erst in der Satzung von 1864. Er sollte nämlich die Staatsmacht der Habsburgermonarchie nicht provozieren, da er von den montenegrinischen Revoluzionären übernommen worden war. Der ursprüngliche Name war weniger inspirierend - Tělocvičná jednota pražská, in etwa Turnsporteinheit Prag.



Miroslav Tyrš, geboren Friedrich Emmanuel Tirsch, obwohl deutscher Abstammung, war eine Persönlichkeit der "Wiedergeburt", der tschechischen Nationalbewegung des 19. Jahrhunderts. Seine deutsche Abstammung teilte er mit Jindřich Fügner, geboren Heinrich Anton Fügner, dem zweiten Gründer von Sokol. Fügner war ein wohlhabender Kaufmann und finanzierte die frühesten Sokol-Gebäude. Er führte das Duzen unter Mitgliedern der Bewegung ein sowie die Anrede "Bruder". Tyrš wiederum erfand die Parole “Tužme se”, die man übersetzen könnte mit "Lasst uns hart werden". Beide Männer hatten ähnliche Ansichten über bürgerliche Freiheiten und soziale Fragen.

Die frühe Tracht der Gruppe war eine Mischung slawischer und revolutionärer Vorbilder. Sie war inspiriert von einer braunen russischen Hose, einer polnischen Revolutionsjacke, einer montenegrinischen Mütze und einem roten Garibaldi-Hemd. Ein erste Entwurf der Tracht stammt vom bekannten tschechischen Maler der Romantik Josef Mánes, der auch die erste Sokol-Fahne entwarf.

Angeregt wurde Sokol von der deutschen Turnbewegung des "Turnvaters Jahn", einer frühen Nationalbewegung, die Anfang des 19. Jahrhunderts unter anderem mit der Zielsetzung entstanden war, die Jugend auf den Kampf gegen die napoleonische Besetzung und für die Rettung Preußens und Deutschlands vorzubereiten.

Auch das tschechische Pendant propagierte nicht nur Gesundheit durch körperliche Aktivität, sondern förderte auch, obwohl sie über der Politik stehen sollte, eine pan-slawische Agenda und zum Teil auch einen tschechischen Nationalismus. Als Folge davon wurde sie dreimal verboten, während des Ersten Weltkriegs, während des Zweiten Weltkrieges und am Anfang der kommunistischen Ära. Erst nach der Samtenen Revolution wurde die Tätigkeit von Sokol wieder ermöglicht.

Die Sokol-Bewegung war bekannt für regelmäßig alle paar Jahre stattfindende Turnfeste, auf denen Tausende Menschen Synchrongymnastik durchführten. Das erste Turnfest fand am 18. Juni 1882 auf der Schützeninsel in Prag statt. Später trafen sich die Sokol-Mitglieder auf der Letná-Ebene und schließlich im Strahov-Stadion, das 1926 erbaut wurde. Die maximale Kapazität des Stadions soll zwischen 220.000 und 250.000 Zuschauer liegen, womit es als das einst größte Stadion der Welt gilt. Heute befinden sich auf der Fläche des Stadions sechs Fußballfelder in Standardgröße und zwei verkleinerte Spielfelder.

Die Blütezeit der Sokol-Bewegung war die Zwischenkriegszeit, um 1930 hatte sie 630.000 Mitglieder. Das größte Turnfest fand im Jahr 1938 statt, auf den Tribühnen und auf dem Feld waren damals 350.000 Sokol-Mitglieder. Während des Protektorats Böhmen und Mähren wurde die Vereinigung  von den deutschen Besatzern unterdrückt, ihre Mitglieder wurden verfolgt und fast die gesamte Führung ermordet.

Nachdem die Sokol-Bewegung 1948 nach dem kommunistischen Putsch verboten wurde, führte das Regime die Tradition der Synchrongymnastik unter dem Namen Spartakiáda fort. Von 1955 bis 1985 fanden diese Turnfeste im Strahov-Stadion alle fünf Jahre statt, mit Ausnahme des Jahres 1970, was eine Folge der Besetzung der damaligen Tschechoslowakei durch Armeen des kommunistischen Warschauer Paktes war.

Die Sokol-Bewegung hatte ihre Ableger auch in Polen, Slowenien, Serbien, Bulgarien, Polen, Ukraine, Weißrussland und Kroatien. Tschechische Emigranten nahmen sie auch in die Vereinigten Staaten und andere Ländern mit. Es gibt es zum Beispiel auch ein Sokol-Gebäude in New York City und im Mittleren Westen der USA.

Die Gruppe hat auch heute noch einen sichtbaren Einfluss, obwohl ihre derzeitigen Mitgliederzahlen deutlich niedriger sind als zu ihrer Blütezeit. Auch heute findet man in den meisten Gemeinden und Stadtvierteln ein Sokol-Gebäude, mit Turnsälen und Sportplätzen, manchmal auch mit einem Schwimmbad. Die Gebäude dienen in der Regel auch als Gemeindezentren. Der politische nationale Gedanke spielt aktuell nur mehr eine geringe Rolle. Im Zentrum der Verbandstätigkeit steht der Breitensport.


ManSprichtdeutsch.cz, Prag 16.02.2017 (Quelle: Prague.TV