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Steine wider das Vergessen

„Zum ersten Mal habe ich diese Form der Erinnerung in Hamburg gesehen“, sagt Markéta Frank. „Ich dachte mir, so etwas sollte man auch bei uns in Prag ins Leben rufen. Eine Erinnerung an die deutsch-tschechisch-jüdische Prägung dieser Stadt, die hier noch immer präsent ist“, meint die Leiterin des deutsch-tschechischen Kindergartens „Kids Company Praha“.

Sie musste nicht lange suchen, um einen Ort zu finden, an dem Stolpersteine an die ehemaligen Bewohner erinnern sollten. „Das Haus, in dem wir unseren Kindergarten aufgebaut haben, wurde von dem berühmten tschechischen Bildhauer Jan Štursa errichtet“, erzählt Markéta Frank. „In der idyllischen Villa in der Hradešínská, im Prager Stadtteil Vinohrady, lebten nach ihm Leo und Marta Ultmann, ein jüdisches Ehepaar, das deportiert wurde“, weiß sie. Deren Lebensgeschichte hat Markéta Frank zusammen mit David Stecher, dem Leiter des Prager Literaturhauses, in aufwändiger Recherche in Archiven, Büchern und dem Internet teilweise rekonstruiert


Endstation Auschwitz

Leo und Marta Ultmann kamen kurz vor dem Ende der Ersten Republik aus Boskovice (Boskowitz) in Südmähren nach Prag. „Bereits 1938, kurz nach dem Münchner Abkommen, haben beide versucht ein Visum nach Australien zu bekommen“, berichtet Markéta Frank. „Das heißt, sie haben die Gefahr erkannt und wollten fliehen“, schätzt sie. Wie in vielen anderen Fällen wurde ihnen keine Ausreisegenehmigung erteilt. Im Jahre 1942 nahm ihre Geschichte ein tragisches Ende. Beide wurden zunächst ins Ghetto Theresienstadt deportiert. Von dort kamen sie dann, ein Jahr später, wie Tausende andere, auf den Transport nach Osten. Endstation Auschwitz: Nur ein einziger Mensch aus dem Transport der Ultmanns sollte das Vernichtungslager überleben.

Heute erinnern nur noch zwei Stolpersteine an die Ultmanns. Und zwei Portrait-Bilder der beiden, die in der Eingangshalle die Kinder undEltern der „Kids Company Praha“ auf die „verschwundenen Nachbarn aus der Hradeschiner Straße“ aufmerksam machen. „Für mich sind die Stolpersteine ein hervorragendes Mittel, um den anonymen Opfern des Nazi-Terrors wieder ein Gesicht zu geben und sie vor dem Vergessen zu bewahren“, so Markéta Frank. Die zentrale Frage, die sich bei der Aufarbeitung stellte, war, wie man diese schrecklichen Ereignisse mit einem Kindergarten verbinden und sie pädagogisch aufbereiten kann. „Auch und vor allem Kinder begreifen sehr schnell, dass es falsch ist jemanden zu diskriminieren“, so Markéta Frank. „Wir befassen uns weniger mit dem Holocaust an sich, als vielmehr mit der Vermittlung von Toleranz und Respekt gegenüber anderen Kulturen und Religionen“, meint sie. Unter anderem wird den Kindern auch ein Zugang zur jüdischen Kultur vermittelt. Beispielsweise finden gemeinsame Projekte mit dem jüdischen Kindergarten Bejachad statt. Gemeinsames Backen soll dem Nachwuchs die Scheu voreinander nehmen. In die gleiche Richtung zielen Workshops zu jüdischen Sagen und Besuche einer Synagoge und des jüdischen Viertels.


Reges Interesse

Außer dem Kindergarten beteiligt sich auch die nahegelegene Grundschule Kladská an dem Projekt. Roman „Golem“ vor. „Die fünfte Klasse hat uns mit diesem sehr gelungenen Stück eine große Freude gemacht“, sagt Markéta Frank. „Im Deutsch-Unterricht haben sie sogar die Dekoration für die Bühne selbst hergestellt.“

Allgemein spielt Literatur eine große Rolle im pädagogischen Konzept der Kids Company. In Zusammenarbeit mit der Schriftstellerin Radka Denemarková organisiert Markéta Frank eine Literaturnacht, in der die Kinder sich selbst ausgedachte Geschichten erzählen dürfen, die die Schriftstellerin sammelt. So entsteht dann ein neues Buch, das die Kinder selbst auch basteln.

„Aus Vielfalt und Unterschieden entstehen Kreativität und Weltoffenheit“, sagt Markéta Frank. „Das ist es, was wir den Kindern beibringen wollen.“ Sie hat mit dem Projekt keinerlei negative Erfahrung gemacht. Ganz im Gegenteil, sie berichtet von regem Interesse. „Die Verlegung der beiden Stolpersteine im Juni 2013 war sehr feierlich und ergreifend“, erinnert sich Markéta Frank. „Nicht die Kinder und ihre Eltern waren hier, auch Vertreter der jüdischen Gemeinde und der deutschen Botschaft.“ Viktor Schwarcz, ein Kantor der jüdisch-liberalen Union sprach Gebete auf tschechisch und hebräisch für die Seelen von Leo und Marta Ultmann.

Die Villa, in der einst die Ultmanns lebten und in der heute Kinder mehrsprachig zur Toleranz erzogen werden, birgt noch weitere Geheimnisse aus der Vergangenheit: „Nach dem Krieg sind eine Mutter und ihre zwei Töchter aus Theresienstadt zurückgekehrt und haben sich hier niedergelassen“, sagt Markéta Frank. Noch ist ihr Lebensweg nicht aufgeklärt und man weiß wenig über ihr Schicksal. „Vielleicht ist das ein Projekt für die nächsten Jahre“, so Markéta Frank.


Erziehung zur Toleranz

Im deutsch-tschechischen Kindergarten „Kids Company Praha“ werden etwa 30 Kinder betreut. Die meisten stammen aus deutsch-tschechischen Familien,aber auch andere Nationen sind vertreten. „Wir wollten diese multikulturelle Umgebung ganz bewusst schaff en, denn so können die Kinder das Beste aus beiden Welten übernehmen“, erklärt Markéta Frank ihr Konzept. Dabei spielt vor allem die Zweisprachigkeit eine entscheidende Rolle, die gezielt gefördert wird. „Unsere Erzieherinnen sind deutsche oder tschechische Muttersprachler und geben das so an die Kleinen weiter.“ Denn, so Frank, das frühkindliche Alter ist ideal für Spracherziehung, denn die Kinder sind aufnahmefähig und verstehen sehr schnell.

Für Marketa Frank ist die Sprache der Schlüssel zum Verständnis des jeweils anderen, nicht nur was Kommunikation als solches betrifft, sondern auch auf der emotional-empathischen Ebene. Ein bisschen fühlt sich die Leiterin der „Kids Company“ an die Atmosphäre der Zwischenkriegszeit in der Ersten Republik erinnert, als in der Tschechoslowakei Bürger verschiedener Nationalitäten Seite an Seite lebten. Im Nachhinein, vor allem während der Herrschaft des kommunistischen Regimes, wurde diese Epoche auf ihre kulturellen, sprachlichen und ethnischen Konflikte reduziert. Dass diese Interpretation der Geschichte zu kurz greift ist heute allgemein anerkannt.


Dieser Artikel erschien in der LandesZeitung 3/4 2014.