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Aus Berliner Bordellen auf Prager Bühnen

Von Redaktion Tschech.News

Die klassische Musik plagt heutzutage ein Problem.: Wie kann man sie den Menschen näherbringen? Als Antwort darauf entstehen immer neue Klassikstücke, die mit modernen Elementen vermischt sind. Dabei kann man es einfacher haben. Es reicht ein Blick in die Musik- und Kunstszene der Zwischenkriegszeit.

Einer ihrer bekanntesten Protagonisten, der deutsche Komponist Kurt Weill hat früh die affektierte Arrogant postromantischer Konzertsäle verlassen und Musik für den Mann und die Frau) auf der Straße geschrieben. Zusammen mit Bertold Brecht entdeckte er die Welt der Sträflingsgaleeren, der Kneipen und Bordelle, die zum Spielplatz der gemeinsamen Projekte wurden.

 

Wegen seiner jüdischen Herkunft musste Weill anfangs der 1930er Jahre Deutschland verlassen. Er ließ sich zuerst in Frankreich, später in Amerika nieder. Und da Weill ein musikalisches Universalgenie war, fühlte er sich im französischen Chanson genauso schnell zuhause, wie im amerikanischen Musical der 1940er Jahre.

In der Welt der Musik hinterließ Kurt Weill zweifelsohne unauslöschbare Spuren. Den Tschechen blieb er leider etwas fremd. Zu lange blieb deutsche oder amerikanische Musik verpönt in diesem Land. Zwar gab es einige Versuche, Kurt Weill auch hier auf die großen Bühnen zu bringen. In den 1960er Jahren bemühte sich zum Beispiel das Theater Semafor darum, indem es Weills wohl bekanntestes Lied „Mackie Messer“ aufführte. Aber das reichte nicht um Durchbruch.

Jetzt startet die bekannte Opernsängerin Dagmar Pecková einen erneuten Versuch, um die Musik Kurt Weills ihren Landsleuten näherzubringen. Auf ihrer neuen CD „Wanted“, die sie im April in einer Konzertreihe in Prag vorstellen wird, befinden sich wohl alle der bekanntesten Lieder von Kurt Weill. Was Pecková an Kurt Weill fasziniert, erläutert sie im Interview:

Warum gerade die Musik Kurt Weills?

Mit der Musik dieses Komponisten verbinde ich Debut im „Westen“ nach der Samtenen Revolution. Im Jahr 1992 verkörperte ich die weibliche Hauptrolle in Weills Oper „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“, deren zentrales Lied „Alabama Song“, auch „Moon of Alabama“ genannt, unzählige Male interpretiert wurde und weltbekannt ist. Weills Musik ist sehr inspirierend. Zusammen mit Bertolt Brecht schuf er in einem unzertrennlichen Duo die Kunst des kleinen Mannes und es gelang ihm, die Themen aus den bürgerlichen Salons der Spätromantik in normale Stadt-Kneipen , Bordelle und die Unterwelt zu verlegen. Seine Bewunderung der amerikanischen Musik der 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts inspirierte den Autor und wir finden bei ihm einen unerschöpflichen Vorrat an Jazz-Elementen. Und gerade das ist der charakteristische Kurt Weill. Ist es also ein Autor sogenannter „klassischer Musik“, weil er Symphonien komponierte? Ist er ein Opern-Autor, weil er Opern komponierte? Ist er ein Chanson- oder Lieder-Autor, weil er französische Chansons schuf, die nicht von den „typisch französischen“ unterscheidbar sind, oder die ersten amerikanischen Musicals? Ja, all das ist Kurt Weill.

Wann haben Sie das erste Mal von „Mackie Messer“ gehört?

Als ich den fabelhaften Clip des Theaters Semafor uns Miloš Kopecký aus den 1960er Jahren zum ersten Mal sah. Wer bliebe davon unbeeindruckt? Damals war ich ein kleines Kind und erinnere mich heute noch daran. Es stimmt zwar, dass das mit Brecht wenig zu tun hatte und sich diese Bearbeitung von dem ursprünglichen „Drehorgelspieler – Erzähler“-Motiv entfernt, aber sei es drum. Sie ist großartig.

Was hat Ihnen an der Geschichte des Londoner Unterwelt-Königs so gefallen?

Ich denke, dass gerade durch Weills Musik Mackie Messer ein wesentlich längeres Leben lebt, als in einem „reinen“ Schauspiel. Eine Melodie schöner als die andere… und zudem merkt man gerade hier das Element des normalen Menschen. Mackies Geschichte heißt bei Weill „Die Dreigroschenoper“. Es ist also eine Oper für alle. Wie sie sehen, beeindruckte mich die Geschichte des Königs der englischen Unterwelt gerade durch Weills Musik und Brechts Lyrik, deren Subtext nur schwer zu übersetzen sind.

Ist für Sie als Operndiva das Cabaret keine allzu simple Disziplin?

Glauben Sie, dass das Cabaret ein Kinderspiel ist? Für mich jedenfalls nicht. Gesang, gesprochenes Wort, Tanz… Lichter, Show, Revue???

Und ich möchte auch anderen Fähigkeiten nutzen, die in mir schlummern. Ich sehe mich nicht „nur“ als Opernsängerin. Das wirkt statisch und schubladenhaft. Und das war ich nie und werde ich nie sein. Wenn sich das Publikum an meine Darstellung von „Carmen“ erinnert, muss es verstehen, dass ich nie eine typische Opernsängerin war und es mir nie genügte, mich „nur“ durch meine Stimme auszudrücken. Da war immer etwas mehr. Mehr Seele und mehr Körper. Ich war eben nicht Pecková, sondern Carmen. Und das würde ich gerne auch in unserer geplanten Cabaret-Revue erreichen – mich voll in den Dienst dieser wunderbaren Musik und dieses multidimensionalen Genres zu stellen.



Die Revue „Wanted“ mit Dagmar Pecková als Mackie Messer ist zwischen dem 13. und dem 30. April jeweils um 19 Uhr in der Prager Lucerna zu sehen.  

Palac Lucerna Prag „Wanted“www.lucerna.cz/en/event/1631592 (ENG)

ManSprichtDeutsch.cz, Prag 13.03.2017