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Von Svitavy bis München: „Frau Schindler“

Die Oper „Frau Schindler“ des US-amerikanischen Komponisten Thomas Morse setzt da an, wo der Film „Schindlers Liste“ aufhört: In Schindlers Fabrik im Brünnlitz (heute Brněnec) bei Zwittau (Svitavy), die rund 1200 Jüdinnen und Juden eine Arche in der Sintflut der Shoa bot.

Am 9. März hat feiert „Frau Schindler“ im Münchner Gärtnerplatztheater ihre Uraufführung. Tschech.News sprach vorab mit ihrem Komponisten Thomas Morse.   

Wie kamen Sie darauf eine Oper über Emilie Schindler zu schreiben?

Als ich vor über 20 Jahren den Film Schindler´s Liste sah, hat es mich sehr bewegt. Der Film ist ein ikonisches Meisterstück. Was er aber außer Acht lässt, ist die Geschichte der Emilie Schindler. Sie war zum einen Oskars moralische Stütze, trotz all seiner außerehelichen Abenteuer fühlte er sich bei ihr zuhause. In Brünnlitz, wo die Oper größtenteils spielt, war es Emilie, die alles zusammenhielt. Sie war es, die die Menschen aus dem Golleschau Transport rettete, diese Szene ist der dramatische Höhepunkt der Oper. Und sie war es auch, die in der benachbarten Daubek-Mühle um Mehl für die „Schindlerjuden“ bat, um ihnen Essen zu beschaffen. Und sie wusste damals nicht, ob sie den Daubeks trauen konnte, sie wusste nicht, dass die Daubeks auch alles riskieren würden, um zu helfen. Emilie Schindlers Geschichte verdient es erzählt zu werden.


Foto: Thomas Morse

Ist eine Oper der richtige Weg, eine Holocaust-Geschichte zu erzählen? 

Ich habe keine Oper über den Holocaust geschrieben. Die Oper erzählt die Geschichte von Emilie Schindler. Und ich glaube, hier ist Oper ein gutes Medium. Denn sie gibt uns die Möglichkeit, die Psychologie dieser Zeit näher zu beleuchten. Die Beziehung zwischen Oskar und Emilie ist ein Mikrokosmos der Art und Weise, wie die Menschen zu der Zeit dachten und sich vieles, das passierte innerlich verantworteten.

Oskar Schindler hat in Emilies Leben die wichtigste Rolle gespielt. Er ist nicht unbedingt ein klassischer Opernheld…

Oskar Schindler war der Fokus ihres Lebens. Aber er war ein lebendes Paradox. Einerseits war er verantwortlich für das Überleben „seiner“ Juden. Andererseits war er dafür mitverantwortlich, dass diese Menschen überhaupt in diese Situation kamen. Bleibt also die Frage: Kann man seine Meinung inmitten eines Verbrechens ändern und sich somit erlösen? Schindler hatte kein Problem damit, andere Menschen auszubeuten. Aber bei Mord zog er die Grenze. Wir haben in der Oper ein realistisches Bild von Schindler geschaffen. Der Film hat ihn etwas idealisiert.

Wie bringt man diese paradoxe Geschichte, die sich vor dem industriellen Massenmord des Holocaust abspielt, in einer Oper glaubwürdig zusammen?

Ich muss ganz ehrlich sagen, diese Oper zu komponieren war ein Alptraum. Die Chance war natürlich unglaublich. Ich konnte mich etwas widmen, das ich machen wollte und ich habe jahrelang für so eine Chance gearbeitet. Aber zweieinhalb Jahre lang in einer solch emotional geladenen Atmosphäre zu leben und zu arbeiten, nimmt einen Stück für Stück auseinander.

Vor allem bewegt man sich als Künstler bei solch einer Geschichte auf dünnem Eis…

Mir war sehr klar, dass ich eine große Verantwortung trage. Diese Geschichte ist so wichtig und trägt bis heute ein so großes Erbe mit sich, dass ich manchmal das Gefühl hatte, sie würde mich erdrücken. Mir war bewusst, dass ich die Geschichte historisch korrekt und künstlerisch empfindsam wiedergeben musste. Deshalb recherchierte ich auch sehr viel über die Schindlers und deren Leben. Ich musste mir das Recht die Geschichte zu erzählen erst verdienen.

Wie haben sie die Geschichte der Emilie Schindler, die ja auch eine Geschichte von Hoffnung und Überleben ist, in Musik gefasst?

Ich bin gelernter und erfahrener Komponist, die Musik zu schreiben war der einfachste Teil. Ich war emotional so in der ganzen Sache drin, dass die Musik aus mir nur so herausströmte. Viel wichtiger waren die Dialoge, die ich mit meinem Librettisten Ken Cazan verfasste. Wir arbeiten sehr viel mit Metaphern. Die Musik ist zwar die Maschine, die die Oper antreibt. Aber hier geht es vor allem um die Geschichte.

Gerade bei dieser Geschichte kann man musikalisch ziemlich danebengreifen. Sie kennen doch sicherlich „Die Produzenten“ von Mel Brooks.

Wenn ich mich vor etwas gefürchtet habe, dann unabsichtlich etwas wie „Die Produzenten“ zu erschaffen. Ich war zum Beispiel dagegen, die Gefangenen überhaupt singen zu lassen. Ich halte es für absolut unpassend, dass Holocaust-Opfer anfangen, Lieder zu schmettern. Schlussendlich aber lassen wir sie in einem Chor singen. Allerdings zu einer ätherischen Musik, sie werden als eine Metapher dargestellt, nicht wörtlich. Auf diese Art haben wir ihnen die Stimme gegeben, die sie nicht hatten. Uns war immer sehr wichtig, respektvoll mit dem Thema umzugehen. Und das ist uns gelungen.

Über den Countdown bis zur Premiere erzählt Thomas Morse in seinem Probenblog hier.


ManSprichtDeutsch.cz, Prag 02.03.2017