Kultur & Lifestyle in Tschechien

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Jan Palachs Haus verliert sein Stigma

Von Lucie Drahoňovská

Nicht nur in Prag gedenkt man jährlich am 16. Januar des Philosophiestudenten Jan Palach, der sich im Alter von nur 20 Jahren an diesem Wintertag im Jahre 1969 aus Protest gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings auf dem Wenzelsplatz selbst verbrannte. Sondern auch in Všetaty in Mittelböhmen. In diesem verschlafenen Ort hat Jan Palach, der am 11. August 1948 im nahen Mělník geboren wurde, mit seiner Familie in einem kleinen Haus gewohnt. Fast fünfzig Jahre nach Palachs Freitod soll dieses inzwischen verlassene und heruntergekommene Gebäude in ein interaktives Museum umgebaut werden. Seine Eröffnung ist fü August 2018 vorgesehen.


Jan Palach

 

Schon vor einiger Zeit hat das tschechische Kulturministerium das Nationalmuseum mit der Leitung dieses Projekts beauftragt. Es wurde ein öffentlicher Architekturwettbewerb ausgeschrieben, an dem einunddreißig Bewerber teilgenommen haben. Als bester Entwurf wurde schließlich eine Studie des MCA-Ateliers ausgewählt. Die beiden Architekten Pavla Melková und Miroslav Cikán schafften es, die mehrköpfige Jury durch die Wirkungskraft und eine genau durchdachte Struktur ihres Projekts zu überzeigen. Dessen Ziel ist es, die geschichtliche Bedeutung von Palachs Tat anschaulich umzusetzen: Sie dachten sich einen massiven „Stahlkeil des Bösen“ aus, der mit all seiner Kraft die ganze Hausmauer des Hauses durchdrängt. Er steht als Symbol der kommunistischen Herrschaft und der Warschauer Pakt-Truppen, die im August 1968 die Tschechoslowakei besetzten. Gleichzeitig soll dieser Keil aber auch Palachs zerrissene Seele darstellen.

Das eigentliche Familienhaus Palachs bleibt in seiner ursprünglichen Form bestehen. In seinem Inneren wird man jedoch keine Trennwände und Fußböden sichten können. Damit wird der vom Stahlprisma zerschnittene Leerraum zum Hauptelement des Projekts. Es soll darstellen, wie gewaltig das damalige totalitäre Regime auch in die Privatsphäre eines jeden einschlug. Das beklommene Gefühl der Normalisierung sollen verblendete Fenster verdeutlichen, die nur wenig Licht von außen hereinlassen. Nur in Palachs einstigem Zimmer bleiben die Fenster frei. Zusätzlich entsteht hier eine erhöhte Stelle, die aus der Vogelperspektive einen Blick auf die scharfe Kante des Stahlprismas aus der Vogelperspektive anbietet. Ansonsten bleibt im Haus nur ein ursprüngliches Zimmer erhalten: Die Architekten haben hier eine Kapelle entworfen, in der zukünftig Gegenstände aufgestellt werden, die im Zusammenhang zu Palachs Tat stehen. Die Innenwände sollen aus poliertem schwarzem Beton bestehen.

Den Vorsitz der Jury des Architekturwettbewerbes zur Palach-Gedenkstätte in Všetaty hatte der angesehene tschechische Architekt Josef Pleskot inne. Das LandesEcho (Partner ManSprichtDeutsch.cz) hat ihn über weitere Einzelheiten befragt.


 Josef Pleskot
Wie wurde das Konzept des Palach-Mahnmals festgesetzt?

Es war uns von Anfang an klar, dass wir hier nicht eine klassische „Palach-Stube“ präsentieren möchten, sondern eine Gedenkstätte errichten wollen.

Was sahen Sie als das größte Risiko?

Spott. Denn ein Denkmal sollte keine unnötigen Symbole und Gesten beinhalten. Würde das Resultat übertrieben und dramatisch gespannt wirken, könnten sich junge Menschen darüber lustig machen. Wichtig ist daher das richtige Maß. Eine Gedenkstätte sollte wirkungsvoll und gleichzeitig auch dezent sein. Sie soll Respekt, Ansehen und Ehre ausdrücken.

Womit konkret hat der Entwurf des Architektenbüros MCA-Atelier gepunktet?

Mit der empfindsamen Auffassung, der gesamten Raumkonzeption und auch dem, wie die Architekten den edukativen sowie den meditativen Teil des geplanten Museums aufgefasst haben. Aber auch, wie sie das bestehende Haus verändern, zum Beispiel, wie sie darin mit Licht arbeiten. 


Was erwartet uns in den anderen Bereichen des Palach- Mahnmals?

Die Gedenkstätte soll einerseits aufwühlen, aber auch aufklären. Dazu soll der neue Anbau dienen, wo der Besucher viele Informationen über Palach und seine Zeit erfahren kann. Danach kann er sich in einem kleinen Garten, in dem ein einziger, symbolischer Baum steht, wieder erholen und meditieren. Dieses Projekt hat aber noch eine weitere Dimension: Das Haus wurde jahrelang stigmatisiert und jetzt, nach einem halben Jahrhundert, wird es endlich zu einem Teil des Dorfes.


ManSprichtDeutsch.cz, Prag 24.01.2017