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Letztes Jahr in Marienbad: Ein Film als Kunstwerk

Der unter Regie von Alain Resnais gedrehte Film Letztes Jahr in Marienbad (L'Année dernière à Marienbad, 1961) ist zu einem der meistzitierten Filmklassiker der Kinematografie der Nachkriegszeit geworden. Durch seine visuelle Anziehungskraft und innovative Verarbeitung inspirierte er nicht nur weitere Filmemacher, sondern auch bildende Künstler, Fotografen, Modeschöpfer und Musiker. Die Ausstellung Letztes Jahr in Marienbad: Ein Film als Kunstwerk erforscht zum ersten Mal gründlicher den kreativen Dialog zwischen einem Film und visueller Kunst und stellt Werke von zeitgenössischen Künstlern der internationalen Szene vor, die auf französische Filmklassiker Bezug nehmen. Die Ausstellung präsentiert auch einzigartige Werke von Künstlern der klassischen Moderne wie Alberto Giacometti, Giorgio de Chirico oder René Magritte, mit denen der Film die avantgardistische Ästhetik und die kritische Form teilt. Letztes Jahr in Marienbad: Ein Film als Kunstwerk ist die erste Ausstellung in der Galerie Rudolfinum, die dank der Unterstützung der Stiftung Nadační fond AVAST kostenlos zugänglich ist.



FILM

Als freie Anwendung der von Alain Robbe-Grillet geschaffenen Gattung des französischen neuen Romans (Nouveau Roman) ging der Film Letztes Jahr in Marienbad mit einer Reihe Auszeichnungen in die Geschichte ein. Schon in seinem Aufführungsjahr 1961 erhielt er den Goldenen Löwen der Filmfestspiele von Venedig, zwei Jahre später wurde er für den British Film Academy Award in der Kategorie Bester Film nominiert und das Drehbuch von Alain Robbe-Grillet erlangte die Oscar-Nominierung. Die Ausstellung Letztes Jahr in Marienbad: Ein Film als Kunstwerk zeigt erstmals die bis heute anhaltende tiefgreifende Bedeutung dieses Films für die künstlerische Sphäre.

Die Radikalität des Films Letztes Jahr in Marienbad besteht vor allem in der Zerstörung der traditionellen Strukturen von Zeit, Raum und Realität. Das avantgardistische Spiel, dessen Plot von der Frage ausgeht, ob sich die Hauptpersonen wirklich letztes Jahr in Marienbad getroffen haben, geht von der künstlerischen Sprache aus, wo der Stil selbst zum Inhalt wird. Geometrische Formen, architektonische Fluchten und sich wiederholende kompositorische Prinzipien verweisen eindeutig auf die für die visuelle Kunst charakteristischen Verfahren. Selbst Alain Resnais sagte: „Ich möchte Filme machen, die sich wie eine Skulptur anschauen und wie eine Oper anhören.“

AUSSTELLUNG

Die Ausstellung präsentiert neben Statuen, Rauminstallationen, Fotografien und Videos auch klassische Malerei und Zeichnung. Durch Zerschlagung der Realität, die mit Hilfe der aus ihrem ursprünglichen Kontext herausgerissenen Fotografien und Abbildungen aus Zeitschriften dargestellt wird, knüpft das fast zwei Meter große Werk des deutschen Klassikers Gerhard Richter an den Film an. Die für Letztes Jahr in Marienbad typische zerrissene narrative Linie hat der amerikanische Künstler Vito Acconci in sein Video übernommen. Patrick Faigenbaum nutzt Fotografien zum Hervorrufen der Illusion von Bildnismalerei, die auch langes, monotones Warten mit sich bringt, wobei die Modelle in ihrer unpersönlichen, fast geistlosen Körperhaltung erstarren. Mit der Beziehung zwischen Illusion und Realität befassen sich die Fotografien von Cindy Sherman oder das Objekt von Jeff Koons.

Viele zeitgenössische Künstler haben die ikonische filmische Ästhetik in ihren Werken direkt zitiert. Die britische Künstlerin Marie Harnett schuf für die Ausstellung eine Serie von kleinformatigen detaillierten Zeichnungen, die dramatische Filmszenen darstellen. Ebenso präzise sind auch die Zeichnungen von Pablo Bronstein, einem großen Bewunderer des Films Alain Resnais', die architektonische Elemente vom Barock über den Neoklassizismus bis zur Postmoderne detailliert näherbringen. Der Film hat zudem unter anderem auch die Modeindustrie stark beeinflusst.

Da Coco Chanel die Kostüme für den Originalfilm entwarf, ließ sich auch 2011 Karl Lagerfeld bei der Modeschau seiner Frühjahrskollektion, die in den Räumen des Grand Palais in Paris stattfand, von der Filmästhetik inspirieren, die noch durch die Architektur der barocken Schlossgärten verstärkt wurde.

Einen Blick hinter die Kulissen der Entstehung des Films bietet die Ausstellung durch die Präsentation historischer Dokumente, originaler Drehbücher oder Fotografien von den Dreharbeiten. Der Besucher wird vor allem zu den Inspirationsquellen des Films geführt. Werke von Surrealisten wie Giorgio de Chirico, Paul Delvaux und René Magritte werden mit Skulpturen von Albert Giacomette und Fotografien von Eugèn Atget ergänzt. Atgets Aufnahmen, die Aussichten in die Gärten von Versailles darstellen, bilden sofort eine Parallele mit einigen Filmsequenzen, die in den Schlossparks von Schleißheim, Nymphenburg sowie Amalienburg in München gedreht worden sind.

Die Ausstellung Letztes Jahr in Marienbad: Ein Film als Kunstwerk wurde erstmals in der Kunsthalle Bremen in Deutschland präsentiert und ihre Variation, ergänzt um eine Installierung von Ján Mančuška und eine Tonaufnahme von Věra Linhartová, ist jetzt in Prag zu sehen. Durch ihre Unterbringung in den Räumlichkeiten des im Stil der Neorenaissance gebauten Gebäudes Rudolfinum knüpft die Ausstellung einen neuen Dialog mit der historischen Architektur der Ausstellungssäle an. 


@ Galerie Rudolfinum bis November 27, 2016 www.galerierudolfinum.cz (ENG)


ManSprichtDeutsch.cz, Prag 25.10.2016