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Des Zöllners tschechische Premiere

Einst verlacht, heute hochgeschätzt: Die Nationalgalerie Prag widmet dem Maler Henri, genannt der Zöllner, Rousseau eine historisch erste Ausstellung. Das LandesEcho sprach mit ihrer Kuratorin Kristýna Brožová.

Eine überdimensionale Pappmaché-Figur von Henri Rousseau, wie man ihn aus seinem berühmten Selbstporträt kennt, blickt vom Balkon des Palast Kinsky – als ob der Maler so symbolisch nach den Besuchern seiner Ausstellung ausschauen würde. Warum war für ihn diese Selbstdarstellung so wichtig?

Rousseau projizierte all seine Ambitionen darauf: Er stellte sich als Maler mit einem charakteristischen Barett, einer Palette und einem Pinsel dar. Nicht wohl in einem Atelier, wie es üblich wäre, sondern in einer Landschaft: auf dem Seine-Ufer und mit einem Ausblick auf den Eiff elturm. Das Gemälde ist besonders auch durch seine Größe, denn er malte meistens kleinere Stillleben und Gruppenporträts.



Rousseaus berühmtes Selbstporträt kam 1923 nach Prag.



Welche anderen Details kann man aus diesem Werk herauslesen?

Es verrät einiges aus seinem Privatleben. Auf der Palette sieht man die Namen seiner beiden Ehefrauen – Clémence und Joséphine. Rousseau stellte das Gemälde 1890 in der Société des Indépendants aus, zu diesem Zeitpunkt kannte er seine zweite Frau noch nicht. Er schrieb ihren Namen erst nachträglich dazu. Die Restauratoren stellten fest, dass sich früher unter den Farbschichten ein anderer Name befand: und zwar einer Marie.

Im Jahre 1923 erwarb die damalige tschechoslowakische Regierung Rousseaus Autoporträt. Seitdem befi ndet es sich im Besitz  der Nationalgalerie in Prag. Wie kam es dazu?

Nach Rousseaus Tod 1911 fand in der französischen Société des Indépendants eine umfangreiche Retrospektive von Rousseau statt. Gleichzeitig wurde auch seine erste Monografie herausgebracht. „Der Zöllner“ ist allmählich nicht nur in Frankreich, sondern auch im Ausland bekannt geworden. Auch bei uns. Dass wir nun dieses wichtige Werk in den Sammlungen der Nationalgalerie in Prag haben, verdanken wir dem damaligen Direktoren der Společnost vlasteneckých přátel umění (Gesellschaft der patriotischen Kunstfreunde) Vincent Kramář. Denn er war damals imstande zu erkennen, dass es sich bei Rousseau um einen besonderen Künstler handelt, was sich im Laufe der Zeit bestätigte.

Rousseau wurde schon zu seinen Lebzeiten von etlichen Mythen umwoben. Inwieweit haben die Kunsthistoriker sie inzwischen aufgeklärt?

Heute ist man sich inzwischen sicher, dass Rousseau keinesfalls ein Autodidakt war. Denn er holte sich Ratschläge bei den akademischen Malern Clemant und Gerôme. Dank ihrer Fürsprache durfte er Bilder in Pariser Galerien kopieren, was sonst nicht möglich gewesen wäre.

Wie ist es mit den weiteren Legenden, die der Maler nicht immer von sich wies?

Im Gegensatz zu dem Beinamen „der Zöllner“, der ihm sein Freund Alfred Jarry gegeben hat , womit er auf Rousseaus Beschäftigung im Stadtzollamt hinwies, forcierte Rousseau selbst die Legende, er habe in Mexiko gekämpft. Damit erklärte er die Entstehung seiner faszinierenden Dschungelbilder.

Und doch weiß man bereits, dass er in Wirklichkeit Paris nie verließ …

Genau. Und man ist sich inzwischen sicher, dass es seine Besuche im Pariser zoologischen und botanischen Garten waren, die ihm als Inspirationsquelle dienten. Und das Tierbuch „Bêtes sauvages“ mit über zweihundert Abbildungen wilder Tiere. Das Buch hat er übrigens bis zu seinem Tod in seinem Atelier versteckt. Heute wissen wir, dass er einige seiner Bilder getreu kopiert hat.

Vor allem zu Anfang seiner Karriere wurde Rousseau wegen seiner Kunst vom Publikum häufig verspottet. Trotzdem hielt er sich lebenslang für einen angesehenen Künstler. War das auch nur eine Pose?

Das glaube ich nicht. Anhand von etlichen Zeitquellen bin ich davon überzeugt, dass er seine Kunst in der Tat hoch schätzte. Dank seinem unerschütterlichen Glauben an sich selbst, setzte er sich im Pariser Kunstmilieu allmählich durch. Heute muss man ihm recht geben, denn Rousseau gehört inzwischen zu den Wegweisern moderner Kunst.

LUCIE DRAHONOVSKÁ

Die Ausstellung „Der Zöllner Rousseau – des Malers verlorenes Paradies (Celník Rousseau – Malířův ztracený ráj), Kinsky-Palast auf dem Altstädter Ring in Prag, bis zum 15. Januar 2017, www.ngprague.cz


ManSprichtDeutsch.cz in kooperation mit dem LandesEcho Prag - Prag, 17.10.2016