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Das Prag der Prager: Letná

Das Szeneviertel auf dem Hügel

„Was passiert, wenn Sie einen langen Tisch in ein Café stellen?“ Richard lässt sich eine Weile Zeit, bevor er die Frage selbst beantwortet: „Ein Tisch ist ein Kommunikationsmittel. In vielen Ländern werden die Menschen, die dort sitzen, miteinander ins Gespräch kommen. In Prag ist das anders: Hier gilt der Tisch bereits als besetzt, wenn an den Enden Gäste sitzen. Und beide Gruppen bleiben unter sich.“


Foto: prague.eu - Metronom


Richard lebt seit sieben Jahren in Prags nördlichem Stadtteil Letná. Beruflich ist der Event-Architekt, das heißt er entwirft Edutainment-Projekte, wo die Besucher spielerisch etwas lernen. Richard hat deshalb ein Auge dafür, wie sich Menschen in verschiedenen Umgebungen verhalten, und er bezeichnet sich als ausgesprochen kontaktfreudig. „Meine Frau sagt, ich würde mich selbst mit einer Straßenlaterne unterhalten“, lacht er.

Nach 16 Jahren in Prag ist er damals nach Letná gezogen. Dies vor allem, weil dort bessere Luft sei, mit zwei großen Parkanlagen in Reichweite. Zudem habe er den Verkehr und die Touristen im Zentrum satt gehabt, jeden Abend Stag-Parties und Betrunkene, die an sein Haus uriniert hätten. Je länger er in Letná wohnt, desto besser gefällt es ihm. „Manchmal kommt es mir vor wie ein kleines Dorf. Man kennt viele Leute, man trifft sie immer wieder. Die Atmosphäre wird immer besser. Es ist noch nicht so, wie ich es gewohnt war, als ich in Paris gelebt hatte, aber es kommt langsam.“


Eine Fülle an Angeboten

Dort, wo jetzt das Metronom hin und her schwingt, thronte einst ein steinerner Stalin über der Stadt. Er blieb nicht lange dort, und auch die Zeiten der Militärparaden vor dem Stadion sind vorüber. Der Stadtteil machte zunächst eine ruhige Phase durch, abgesehen von dem Durchgangsverkehr, der immer noch durch Letnás Straßen dröhnt. Doch seit etwa fünf bis zehn Jahren entstehen hier immer mehr kleine Lädchen und Restaurants.

Anders als im Prager Zentrum fühlt sich Richard in Letná auch trotz seines Alters besser akzeptiert: „Als junger Mensch bist du im Zentrum immer willkommen. Ab einem bestimmten Alter aber wirst du dort schief angesehen. Das ist hier in Letná anders. Und das finde ich schön.“

Die Hauptachse durch Letná verläuft entlang der Straße Milady Horákové, mit zwei Plätzen an beiden Enden: Am Fuß liegt der Strossmayerovo náměstí und oben der Letenské náměstí. Zu beiden Seiten wird der Stadtteil von zwei großen Parks flankiert: Den Letenské sady zum Zentrum hin, von wo aus man einen herrlichen Blick auf die Stadt hat, und in der anderen Richtung dem weitläufigen Stromovka (Baumgarten oder Königliches Wildgehege).


Foto: prague.eu - Letenské sady


Zu Letná gehört ohne Zweifel auch das Stadion von Sparta Prag, bei dem sich das berühmte Café Alchymista mit dem phantastischen Deckengemälde und dem Sommergarten befindet. Letná verfügt mit Bio Oko über eines der wenigen Programmkinos der Stadt und mit dem Technischen Museum über ein Highlight für Technik-Begeisterte. In der Galerie im Messepalast finden sich die namhaften tschechischen Künstler der Ersten Republik neben internationalen Größen und zeitgenössischen Ausstellungen.

Viele Projekte haben es nicht über das Reißbrett hinaus geschafft, so etwa die neue Nationalbibliothek von Kaplický in der Form eines farbigen Tropfens, an der sich die Geister geschieden hatten. Statt dessen entstand an dieser Stelle, überraschend für viele Anwohner, ein Tunnel namens Blanka, dessen Kosten und Bauzeit in den Himmel zu wachsen schienen, bis er dann endlich dieses Jahr eröffnet wurde und einen Teil des Verkehrs durch die Tiefen leitet.

Rund um den „Strossmayerák“ herrscht bis in die Nacht hinein geschäftiges Leben, es gibt hier mit dem Burrito Loco sogar einen Imbiss mit 24-stündiger Öffnungszeit, was man in vielen anderen Stadtteilen Prags vergebens sucht. Die Cafés, Bistros und kleinen Spezialgeschäfte haben sich längst in die Seitenstraßen ausgebreitet, wie etwa in die Veverkova. Oben in den Seitenstraßen des Letenské náměstí schießen neue Lokale wie Pilze aus dem Boden, so etwa der Nudný Otec – der „langweilige Vater“ mit Open Stages, das ganz neue Café Letka im Theater Pi-Divadlo, direkt neben dem Technischen Museum, oder das „Urban Café“ Farma Letna unweit des Stadions. In vielen Straßenzügen fühlt man sich an die Szene-Viertel in Berlin erinnert, bevor sie populär wurden.

„Hier arbeiten nette, junge Leute, die auch wissen, welche Produkte sie verkaufen“, weiß Richard zu schätzen. „Das ist eine wichtige Sache, und das ist nicht überall so.“ Ein bisschen stört ihn aber doch, dass in Prag zu viel kopiert wird: „Wenn ein Geschäft gut geht, dann werden gleich 20 ähnliche eröffnet. Natürlich verwässert sich dann die Zielgruppe und viele Geschäfte müssen wieder schließen.“

Daneben beklagt er auch, dass viele Betriebe noch nicht begriffen haben, wie sie die Kunden betreuen müssen. „Man geht zwei bis drei mal pro Woche in ein Lokal und wird jedesmal wieder wie ein neuer Kunde behandelt. Man wird nicht wiedererkannt.“ Das aber sei typisch für Tschechien, nicht Letná. Aber natürlich hat er sich längst ein Netzwerk von Stammkneipen aufgebaut, wo er als ein alter Bekannter begrüßt wird.


Foto: ManSprichtDeutsch.cz - Café Letka


Richards Tipps in Letná:

Besonders empfiehlt Richard das Café Dům Kávy in der Jirečkova. Hier gibt es ein sehr vielfältiges Publikum: Studenten, Leute aus der Filmindustrie, Architekten, Künstler, Schauspieler, Schriftsteller, Musiker und dergleichen. Zudem sei der Kaffee einer der besten in Prag.

Dann das Café Letka im Pi-Divadlo beim Technischen Museum, in dem sich der erwähnte lange „Kontakt-Tisch“ ausprobieren lässt. Jemand wie Richard setzt sich natürlich in die Mitte zwischen zwei Gruppen und wartet, was passiert.

Das Pho u Letné ist ein beliebtes vietnamesisches Restaurant in der Straße Nad Štolou - über dem historischen Rudolf-Stollen und gegenüber vom Innenministerium.

Richard empfiehlt daneben ganze Straßenzüge, in denen sich kleine Läden und Lokale konzentrieren oder die von ihrem Erscheinungsbild her interessant oder sogar einzigartig in Prag sind. Die Milady Horáková ist dabei die meistunterschätzte Straße, da viele Menschen nur hindurchfahren, ohne die Angebote wahrzunehmen. Richard hat hier auf diesen rund 600 Metern nicht weniger als 62 Geschäfte gezählt, die direkt oder indirekt mit Essen zu tun haben. Davon bieten sehr viele ausländische Spezialitäten. Das einzige, was er bedauert, ist, dass in der Mitte die Straßenbahn verläuft, so dass man nicht wie in den Gassen von Antwerpen, Amsterdam oder Paris zwischen den Seiten hin und her wechseln könne.

Wenn man vom Letenské náměstí auf den Stromovka-Park zu geht, kommt man in die Straßen um die Ovenecká und Šmeralova: Richard fühlt sich hier ein bisschen an Antwerpen erinnert. Es gibt prächtige Häuser vom Anfang des 20. Jahrhunderts, ähnlich wie in Vinohrady. Hier aber sei die Substanz qualitativ besser.

Überhaupt müsse man sich in Letná auf Spaziergänge und Entdeckungstouren in die Seitenstraßen einlassen. Überall gebe es unzählige Weinlokale, Cafés, Konditoreien, Modemacher, Spezialgeschäfte und dergleichen. Viele von ihnen lebten nur von Mund-zu-Mund-Propaganda und seien kaum bekannt.


Das Prag der Prager

In dieser Artikelserie stellen Ihnen „Man spricht Deutsch CZ“ und Prague.TV - Living Like a Local die interessantesten Prager Viertel vor: Hintergründe, Einblicke, die Atmosphäre, und ein paar Empfehlungen zu Lokalen, Cafés und was es sonst noch Interessantes gibt. Dabei helfen uns örtlich ansässige Expats, die besser als jeder Reiseführer wissen, wo sich der Besuch lohnt und was sich in den letzten Wochen und Monaten verändert hat.


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Autor: Christoph Amthor, ManSprichtDeutsch.cz - Prag, 24.12.2015