ManSprichtDeutsch.cz - Kultur & Lifestyle

ManSprichtDeutsch.cz ist ein deutschsprachiges Informations- und Nachrichten Portal, das über aktuelle Themen aus PolitikWirtschaftSport und Kultur in Prag und Tschechien berichtet. Unsere Aufgabe ist es für Sie all die Informationen und Nachrichten zu sammeln und Ihnen auf einer Plattform anzubieten.

Das Prag der Prager: Holešovice

Prags aufstrebendes Hafenviertel

Auf drei Seiten der Fluss und zum Westen hin der Hügel: Holešovice ist vielleicht der einzige Stadtteil Prags, den man innerhalb von einer Sekunde auf jeder Prag-Karte findet. Die Nähe zum Wasser und zum Zentrum bestimmt auch heute noch den Charakter dieses Viertel, das gerade jetzt eine rasante Entwicklung durchläuft, die man sich nicht entgehen lassen sollte.


Holešovice bildet rein verwaltungstechnisch den Kernbereich von Prag 7, aber zumeist versteht man darunter nur den Teil direkt innerhalb der Flussschleife. Das Gebiet vom Strossmayerovo náměstí und dem Messepalast (Veletržní palác) hinauf wird seinem Charakter nach zu Recht schon Letná zugerechnet. Die vom Süden kommende Bahnlinie und die Magistrale, die breit durch das Stadtzentrum stößt und den Fluss überquert, um dann hier zwischen den Häusern zu versickern, bilden eine Art Barriere zwischen dem östlichen Kern und den westlichen Ausläufern.

Selbst nach dem Niedergang der Flussschifffahrt gilt Holešovice immer noch als das Hafenviertel Prags. In Holešovice ist es fast schon unmöglich, nach einem Stück unterwegs nicht auf Wasser zu stoßen. Wenn sich auch städtebaulich enorm viel verändert hat und noch verändert, so ist in vielen Straßen doch noch das alte Industrie- und Hafenflair erhalten geblieben: Hier finden sich eine ehemalige Fabrik für Wasserzähler und Gebrauchtmöbelbazare, in der früheren Holešovicker Brauerei sitzt nun Ringier Axel Springer, und viele Stahl-und-Backstein-Hallen werden von Restaurants and jungen Firmen genutzt. In Holešovice befinden sich das Bitcoin-Café, die bedeutendste tschechische Galerie für zeitgenössische Kunst DOX und mit der Pražská tržnice auf dem Gelände des ehemaligen Schlachthofs ein großes Markt- und Veranstaltungsgelände. Zum Ufer hin und sogar um die ehemaligen Hafenbecken herum entstehen jedes Jahr neue Häuserblöcke, mit gefühlter Insellage, versteht sich. Hin und wieder läuft man über Gleise, und den Hafen ziert ein Kran.

Dabei war es gerade das Wasser gewesen, das die große Veränderung eingeläutet hatte: Im Sommer 2002 wurde der niedrig gelegene Stadtteil vom Jahrhunderthochwasser überflutet. Bauunternehmer und Investoren schienen sich erst jetzt bewusst zu werden, wie günstig Holešovice eigentlich liegt, und hatten nun natürlich freie Hand. Zu der Attraktivität trägt entscheidend bei, dass der Stadtteil sogar seinen eigenen Fernbahnhof hat – die Bahnanbindung an Hamburg und Berlin und an Wien und Bratislava.

Die Flutgefahr bildet heute allerdings kein Hindernis mehr: Seit einigen Jahren kann das ganze Viertel durch eine mobile Schutzwand komplett vom Fluss abgeschottet werden, und die tiefer und flussnahe liegenden Neubauten werden ohnehin auf wasserdichten Betonwannen errichtet.


Günstige Wohnungen mit Restrisiko

Für viele alteingesessene und zugezogene Prager bot sich nach 2002 die Gelegenheit, günstigen Wohnraum zu erwerben. Viele Häuser wurden renoviert und die Dachböden ausgebaut. Die Aussichten für das Viertel galten als vielversprechend, auch wenn sich damals kaum jemand vorstellen konnte, wie genau sich Holešovice entwickeln würde. Wer das Risiko vermeiden und sich den Preis leisten konnte, der suchte eher im Umkreis von Vinohrady oder Prag 1, wo kaum noch Überraschungen zu erwarten waren.

Reena lebt seit 2006 in Holešovice. Die Kanadierin war damals schon nicht neu in Prag gewesen und hatte daher konkrete Vorstellungen gehabt, was ihre neue Eigentumswohnung bieten sollte und was sie riskieren konnte: „In Holešovice fand ich das, was ich gesucht hatte: Eine Maisonette im Dachgeschoss mit Terrasse, in einer von Bäumen gesäumten Straße. Und dies alles zu einem Preis, den ich mir leisten konnte.“ Besonders weiß sie die gute Verkehrsanbindung zu schätzen: Ihre Straße liegt nur wenige Haltestellen vom Stadtzentrum entfernt.

Wenn auch die Wohnung ideal liegt, so hatte der Stadtteil damals, vor nicht einmal zehn Jahren, noch viel zu wünschen übrig gelassen: „Holešovice galt damals bereits als ein aufstrebender Stadtteil. Allerdings stand er erst am Anfang dieser Entwicklung.“ Reena erinnert sich vor allem an eine imposante Menge an Herna-Bars, den tschechischen Spiellokalen, deren massive Präsenz jedes andere Gewerbe mühelos in den Schatten stellte. „Selbst für meine Housewarming-Party blieb uns nichts anderes übrig, als eine Kneipentour durch Spiellokale zu machen. Es gab hier einfach keine Cafés und nur sehr wenige Restaurants, die in Frage kamen. In der gesamten Umgebung fand sich nur ein einziger Gemüseladen, und die Auswahl dort war auch eher enttäuschend.“

Reena, die viel für ihren Job durch die Welt reist, traut oft ihren Augen nicht, wenn sie wieder nach Hause kommt: „In den letzten paar Jahren, seit ich hier wohne, hat sich Holešovice unglaublich verändert. Jetzt gibt es hier coole Cafés, tolle Restaurants und einen Bauernmarkt, und die Gebäude werden renoviert und neu gestrichen.“

Sie sieht die Zukunft ihres Stadtteils eindeutig positiv: „Langsam entfernen wir das 'hole' aus Holešovice“, scherzt sie in Anspielung auf den Namen. Holešovice hört allmählich auf, ein „Loch“ zu sein.



Reenas Ausgehtipps

Das Long Tail Cafe liegt in einer ehemaligen Fabrik, die früher Prager Schinken in die ganze Welt exportiert hatte. Heute gibt es dort eher leichtere Speisen in einem modernen Ambiente auf zwei Etagen, mit Sofas, auf denen es sich auch gut länger verweilen lässt. Eher weniger bekannt ist das kleine und gemütliche Kafe Přístaf, das sich mit exzellenten Kuchen und Torten einen Namen gemacht hat. Das Restaurant mit Mikrobrauerei Marina liegt direkt am Hafenbecken und bietet in einem schön renovierten Hafengebäude unter dem Deckenbalkenwerk solide böhmische Küche und im Sommer einen Biergarten direkt am Hafenbecken. Wer es moderner mag, dem empfiehlt Reena das Twenty7. Als Kneipentipp haben wir noch U zlatého slunce, in der Komunardů Strasse, nirgendwo in Prag kann man das prärevolutionäre Flair Prags besser aufsaugen, als dort: Es gilt als das Holešovicker „Klein-Brooklyn“ mit dem Flair der „good old days“. Für Expats ist besonders interessant, dass es sieben Tage in der Woche geöffnet hat.

Für das kulturelle Erlebnis empfiehlt Reena das DOX, die wichtigste tschechische Galerie für zeitgenössische Kunst, die mit einem internationalen Renommee aufwarten kann. Nicht weit entfernt gibt es zudem zahlreiche interessante Events wie etwa den Fashion Market auf dem Gelände der Pražská tržnice, eine Haltestelle von der Metrostation Vltavská entfernt.


Das Prag der Prager

In dieser Artikelserie stellen Ihnen „Man spricht Deutsch CZ“ und Prague.TV - Living Like a Local die interessantesten Prager Viertel vor: Hintergründe, Einblicke, die Atmosphäre, und ein paar Empfehlungen zu Lokalen, Cafés und was es sonst noch Interessantes gibt. Dabei helfen uns örtlich ansässige Expats, die besser als jeder Reiseführer wissen, wo sich der Besuch lohnt und was sich in den letzten Wochen und Monaten verändert hat.

 

Lesen Sie mehr darüber in unserem Einleitungsartikel.


Autor: Christoph Amthor, ManSprichtDeutsch.cz - Prag, 10.12.2015