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Altstädter Ring gesehen und Karlsbrücke überlebt: War das jetzt Prag?

Ob Prag-Besucher oder Neu-Prager – wohl jeder hier hat zunächst einmal den berühmten Touri-Trampelpfad absolviert: Wenzelsplatz, Altstädter Ring, die Astronomische Uhr, dann über die Karlsbrücke auf die Kleinseite und zur Prager Burg hinauf. Spätestens in den Gassen der Altstadt kommen angesichts zähflüssiger Reisegruppen, überforderter Segway-Fahrer und angetrunkener Schulklassen erste Zweifel auf. Den Höhepunkt bildet die Karlsbrücke mit ihrem berühmten Blick – auf andere Touristen, die ebenfalls gehofft hatten, die Brücke zu sehen.


Foto: czechtourism.com / Die Karlsbrücke, wie man sie nur ganz selten erlebt

 

Der persönliche Streifzug durch Prag gerät so zur touristischen Massenveranstaltung. Im letzten Jahr hat laut Prague City Tourism die Zahl der Pragtouristen erstmals die 6-Millionengrenze durchbrochen – das sind im Durchschnitt über 16 Tausend pro Tag. Während der Anteil der Russen zurückgeht, kommen zunehmend Chinesen, Südkoreaner und Inder. Auf dem ersten Platz befinden sich die deutschen Nachbarn, danach folgen Russen und Amerikaner, Briten, Italiener und Franzosen.

Für viele Besucher stellt sich angesichts von Souvenirlädchen mit elektronischem Spielzeug und Heerscharen an Touristen die Frage, was sie denn da eigentlich vor sich sehen: Ist das wirklich noch das wahre Prag? Oder ist es nicht viel eher eine Art Disneyland, eine künstliche Erlebniswelt, der alle Ecken und Kanten genommen wurden, die sich sprachlich und kulturell auf die Besucher einstellt, so dass sich diese nicht auf die örtliche Kultur einlassen müssen, verkäuflich und profitoptimiert, ein anderes Prag als das Prag seiner Bewohner?

Haben die Prager überhaupt noch einen Platz in ihrer Stadt? Bei dieser Frage geht es nicht nur um den Raum in den Straßen, sondern auch um Läden und Gastronomie: Souvenirshops, Wechselstuben und pseudoböhmische Kneipen, wo man das Essen auf Fotos bestellt, gehen am Bedarf der Prager Einwohner ganz einfach weit vorbei. Daneben treibt die zahlungskräftige Laufkundschaft oft die Preise durch die Decke und die Servicequalität in den Keller. Mit einem tschechischen Durchschnittsgehalt ist ein Abend für tausend Kronen einfach nicht machbar.


Das Prag der Prager

Ganz so schlimm ist es zum Glück aber doch nicht. Die gute Nachricht ist nämlich, dass sich die Einheimischen ihre Stadt nicht haben nehmen lassen. Zum einen beschränkt sich das touristische Prag nur auf bestimmte Straßenzüge, während sich das wahre Prager Leben woanders abspielt. Zum anderen finden sich selbst im Zentrum der Stadt, unbehelligt von allen „Geheimtipps“, immer noch kaum bekannte Kneipen und Cafés, ursprüngliche Läden und Orte, die den meisten Touristen unbekannt und aufgrund der Sprache auch kaum zugänglich sind.

Gerade in den letzten zehn Jahren ist in Prag zudem eine neue Entwicklung zu beobachten: Verschiedene Stadtteile entwickeln zunehmend ihren ganz eigenen Charakter und bieten das, was früher zumeist nur im Zentrum zu finden war. In heruntergekommenen industriell geprägten Straßenzügen oder faden Wohngegenden entstehen unabhängige Viertel, wo alles zu finden ist, was man so braucht. Die Zeiten sind vorbei, als man für eine Tasse Kaffee die Wahl zwischen Spiellokal und Chinesen hatte und man für frisches Gemüse durch die halbe Stadt reisen musste.

Mit ausschlaggebend ist der Trend, dass heute gerade junge und aktive Prager statt im Häuschen vor der Stadt lieber nahe des Zentrums wohnen wollen. Die Lebensqualität im Stadtgebiet steigt, es gibt ein gutes Netz an öffentlichen Verkehrsmitteln, zunehmend Fahrradwege, Grünflächen, Freizeitangebote und Gastronomie für jeden Geschmack. Zwischen dem touristischen Zentrum und den Plattenbausiedlungen besteht nun ein Ring von interessanten Stadtteilen, in denen das Leben pulsiert und die sich oft so schnell verändern, dass nicht einmal die Einwohner Prags genau wissen, was in den anderen Vierteln vor sich geht.


Wir zeigen Ihnen das andere Prag

Diese faszinierende Entwicklung ist natürlich für Zugezogene von besonderem Interesse, darunter viele deutschsprachige Ausländer oder „Expats“, da gerade sie auf lokale Angebote angewiesen sind und von einem kosmopolitischen Klima profitieren. Expats mit jahrelanger Pragerfahrung werden hier zu Experten ihres Viertels und wissen oft mehr als Tschechen, die jedes Wochenende auf dem Land verbringen.

Man spricht Deutsch CZ“ in Zusammenarbeit mit Prague.TV - Living Like a Local möchte Ihnen in einer neuen Serie verschiedene Prager Viertel vorstellen: Hintergründe, Einblicke, die Atmosphäre, und ein paar Empfehlungen zu Lokalen, Cafés und was es sonst noch Interessantes gibt. Dabei helfen uns örtlich ansässige Expats, die besser als jeder Reiseführer wissen, wo sich der Besuch lohnt und was sich in den letzten Wochen und Monaten verändert hat.

Freuen Sie sich in den kommenden Wochen mit uns gemeinsam das PRAG DER PRAGER näher kennen zu lernen...


Autor: Christoph Amthor, ManSprichtDeutsch.cz - Prag, 28.11.2015