Wirtschaft in Tschechien

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Ware Arbeitskraft

Von Alexandra Mostýn

Die Nachricht schlug ein wie eine Bombe: Der deutsche Autobauer Daimler will ein riesiges Ersatzteillager in Mitteleuropa bauen. Und Tschechien wird neben Polen als Standort in Erwägung gezogen. Daimler plant sein Mercedes Werk im ungarischen Kecskemet zu erweitern, baut gerade an einem Motorenwerk im niederschlesischen Jawor und möchte 2018 einen Standort nahe Moskau eröffnen. Die Nachfrage für Mercedes Teile und Ersatzteile wird in Ostmitteleuropa in den kommenden Jahren folglich ansteigen.


Foto: fotolia

In Tschechien gibt es derzeit aber nur wenige Standorte, die das geplante 250 000 Quadratmeter-Lager beherbergen könnten. Die Investition würde in etwa drei Milliarden Kronen betragen. Doch der Enthusiasmus der Tschechen für den Stern aus Stuttgart-Untertürkheim scheint gedämpft. Sollen doch die Polen gewinnen, meint zum Beispiel Petr Jonák, Vorstandsmitglied des tschechischen Industrieverbands. „Wir brauchen hier nicht das 150. Lager. Wir brauchen Firmen, die hier entwickeln und produzieren werden, die Innovationen tätigen“ argumentiert er und appelliert: „Seien wir Investoren gegenüber selbstbewusst!“

Arbeiter verzweifelt gesucht

Das neue Selbstbewusstsein gründet weniger im Bestreben mehr zu sein, als nur die erweiterte Werkbank Deutschlands. Die tschechische Wirtschaft plagt derzeit ein ganz anderes Problem: ihr gehen die Arbeitskräfte aus. In Tschechien herrscht mehr oder weniger Vollbeschäftigung. Die Arbeitslosenquote ist so niedrig, wie noch nie seit der Gründung der Tschechischen Republik 1993. Mit derzeit 3,6 Prozent stellt sie die niedrigste Arbeitslosenzahl in der EU dar. Besonders für die Industrie wird das aber langsam zu Problem. Besonders der Mangel an Facharbeitern macht vielen zu schaffen.

Zwei Drittel der tschechischen Unternehmen haben Schwierigkeiten, qualifizierte Mitarbeiter zu finden. „Das ist ein Problem, auf das wir schon lange aufmerksam machen. Vielen unserer Mitglieder fehlen vor allem qualifizierte Fachkräfte aus technischen Bereichen“, erklärt Bernard Bauer, der Deutsch-Tschechischen Industrie-und Handelskammer.

Lehrberufe gelten in Tschechien nicht als besonders attraktiv. Seit 2005 ist die Zahl derer, die eine Lehre absolvieren um 42,5 Prozent gefallen. Im vergangenen Jahr haben im ganzen Land nur 11 303 Lehrlinge ihre Ausbildung abgeschlossen.

Inzwischen beklagen viele Firmen aber auch einen grassierenden Mangel an unqualifizierten Arbeitern. Über ein Fünftel der industriellen Betriebe des Landes sucht händeringend nach Leuten. Am schwersten zu finden sind Schichtarbeiter in Fabriken und Bus und LKW-Fahrer. Insgesamt fehlen tschechischen Betrieben momentan 140 000 Arbeitskräfte. Manche Umfragen sprechen sogar von 200 000.

„Kein Wunder“, knurrt Gewerkschaftsboss Josef Středula. Die Löhne in Tschechien seien so niedrig, dass es sich gar nicht lohnt zu arbeiten, meint er. Auf seiner Facebook-Seite veröffentlicht Středula regelmäßig Jobangebote, die fast unmoralisch anmuten. Fabrikarbeitern am Band werden für eine 40-Stunden-Woche mit drei Schichten durchschnittlich zwischen 11 000 und 13 000 Kronen Lohn angeboten. Umgerechnet sind das zwischen 400 und 480 Euro pro Monat. Brutto versteht sich. Das sind Löhne nur knapp jenseits der Armutsgrenze, die in Tschechien derzeit bei einem Monatseinkommen von 10 220 Kronen (380Euro) liegt.

„Eine Katastrophe“ stöhnt Středula. „Ein Arbeitgeber sollte sich überlegen, wie er sich fühlen würde, wenn das sein Kind wäre, das so wenig verdient, dass es an oder unter der Armutsgrenze leben muss“, sagt er.

Rettung aus dem Osten?

Arbeitgebervertreter haben jetzt einen Plan, um den grassierenden Mangel an Arbeitskräften zu bekämpfen. Sie wollen mehr Arbeiter aus dem Ausland „importieren“. Dabei schielen sie vor allem in Richtung Ukraine.

Schon im November 2015 hatte die Regierung in Zusammenarbeit mit Arbeitgeberverbänden das „Projekt Ukraine“ gestartet, mit dem sie jährlich 500 hochqualifizierte Arbeiter aus der Ukraine nach Tschechien locken wollte. Langfristig scheitert das aber immer wieder an einem korrupten System, über das sich Ukrainer für ein Arbeitsvisum in Tschechien registrieren müssen. Das ist mitunter ein Grund, warum das „Projekt Ukraine“ kläglich gescheitert ist. Anstelle der 500 kamen nur etwa 350 ukrainische Facharbeiter ins Land.

Jetzt nehmen die Arbeitgeber einen zweiten Anlauf. Der nennt sich dieses Mal „Regime Ukraine“ und zielt vor allem auf weniger qualifizierte Arbeiter. Hier geht es darum, die bürokratischen Hürden für Ukrainer zu senken. Momentan dauert es etwa sechs Monate, bis ein Ukrainer als Gastarbeiter nach Tschechien kommen kann. „Unsere Firmen brauchen jetzt Arbeitskräfte, nicht in einem halben Jahr“, sagt der Präsident des Industrieverbands, Jarolav Hanák. Ohne Ukrainer, orakelt Hanák, käme tschechische Firmen früher oder später um Auftrage und Kunden. „dann werden wir ein ganz anderes Problem lösen müssen, als die Anwerbung von Arbeitskräften“ droht Hanák.

Nein zu Billigarbeit!

Inzwischen hat die Regierung beschlossen, über das „Regime Ukraine“ rund 5000 Arbeitskräfte pro Jahr anzuwerben. Die Arbeitgeberverbände fordern aber eine Erhöhung dieser Zahl auf 6000 Gastarbeiter pro Jahr. „Der Mangel an Arbeitskräften ist ein Faktor, der die Entwicklung unserer Firmen bremst“, meint der Präsident der Wirtschaftskammer, Vladimír Dlouhý. „Es herrscht aber Konsens, dass vor allem Arbeiter aus der Ukraine dazu beitragen können, das Problem zu lösen“, meint er.

Der Konsens der Arbeitgebervertreter stößt aber auf harten Widerstand bei ihrem Partner im so genannten Sozialen Dialog, den Gewerkschaften. Die argumentieren, Ukrainer würden dazu missbraucht werden, das Lohnniveau in Tschechien weiterhin niedrig zu halten. „Wenn die Löhne mal höher sind als die Sozialleistungen, wird man auch in Tschechien genug Arbeitskräfte finden“, argumentiert Gewerkschaftsboss Středula. Es sei doch nicht möglich, dass die eh schon niedrigen Löhne in Tschechien noch weiter durch den Import von Billigarbeitern aus dem Osten gedrückt werden, meint er.  



ManSprichtDeutsch.cz (Tschech.news), Prag 09.03.2017