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Vernetzer und Wegbereiter: Der österreichische Botschafter beendet seine Tätigkeit in Prag

Nach fast sechs Jahren endet nun die Amtszeit des österreichischen Botschafters Ferdinand Trauttmansdorff in Prag. Seine Zeit in der tschechischen Hauptstadt vergleicht er im Rückblick mit der Arbeit eines Gärtners, der durch geduldige Pflege den künftigen Ertrag steigert.

 Dabei sei der Anfang nicht leicht gewesen, und viele Strukturen mussten erst noch entwickelt werden: „Unsere Länder hatten fast keine Beziehungen auf Regierungsebene gehabt“, erinnert er sich. Auf tschechischer Seite sei eine kontinuierliche Arbeit schon deshalb schwierig gewesen, weil dort alle paar Monate wichtige Positionen neu besetzt wurden. Und das hat er sogar nachgezählt: „Ich habe in der Zeit in Prag über 70 Minister erlebt!“

Aber das war nicht das einzige Problem gewesen. Zwei Reizthemen hatten damals den bilateralen Dialog erschwert: zum einen Temelín und zum anderen die Beneš-Dekrete. „Es hatte kaum ein Politikertreffen gegeben, wo diese Themen nicht die Diskussion beherrschst haben.“ Die Folge war, dass Politiker beider Länder immer weniger gewillt gewesen waren, überhaupt miteinander in Kontakt zu treten.

Das habe sich dann aber ganz wesentlich verbessert: „Der erster Schritt zu einer neuen Dynamik ist bereits von der Sobotka-Regierung ausgegangen, indem sie die Beziehungen zu Österreich in ihr Regierungsprogramm aufgenommen hat.“ Bewährt hatte sich vor allem die ausgezeichnete Zusammenarbeit mit der tschechischen Botschaft in Wien, mit der gemeinsam viele grenzüberschreitende Initiativen ins Leben gerufen wurden. Trauttmansdorff hat schnell verstanden, dass neue Strukturen und eine Verzahnung von staatlichen und regionalen Ebenen nötig waren, um eine Nachhaltigkeit zu gewährleisten. Andernfalls drohten alle gut gemeinten Bestrebungen doch wieder im Sand zu versickern.

Zum einen entstand die „Trilaterale von Austerlitz“. Was zunächst bedrohlich nach Schlachtfeld klingt, ist im Gegenteil ein Treffen der drei Anrainerstaaten Österreich, Tschechien und der Slowakei, um grenzspezifische Themen zu besprechen. Zum anderen wurde, eine Idee des ehemaligen Ministers Schwarzenberg aufgreifend, ein Treffen der beiden Außenminister mit Landes- und Kreishauptleuten initiiert. Davon ausgehend gibt es zwei weitere Gremien, in denen Landesamts- und Kreisamtsdirektoren und die Mitteleuropadirektoren beider Außenministerien zusammen kommen, und dies jeweils mit Vermittlung der beiden Botschafter.

Zu einem der neueren und vielleicht kurioseren Projekte gehört der Grenztisch in Retzbach (Hnanice), der Ende November in Betrieb genommen wird: Direkt auf der Grenze wird ein Tisch stehen, an dem man essen, trinken, oder sogar Karten spielen kann – und zwar ganz wörtlich über die Grenze hinweg. Deren Offenheit kann man hier also direkt erfahren. Daneben hat die Botschaft ein gemeinsames Geschichtebuch gefördert, das eine versachlichte Diskussion über die Vergangenheit zum Ziel hat. Besonders stolz ist der Botschafter jedoch auf den Neubau des Österreichischen Gymnasiums in Prag, das sich zu einem vielfältig einsetzbaren Kulturzentrum entwickelt hat.


Aktuelle Herausforderungen

Seine frühere Karriere hatte Trauttmansdorff nach Genf geführt, wo er vor allem mit humanitären Fragen beschäftigt war. Eine der größten Herausforderungen im heutigen Europa, die syrischen Bürgerkriegsflüchtlinge, hat ihn daher nicht unvorbereitet getroffen.

„Die Politik hätte die Krise rechtzeitig erkennen können“, muss er zurück blickend feststellen, „aber man wollte sie nicht sehen. Bis zum letzten Moment wurde gehofft, dass das Unwetter an uns vorüber ziehen würde.“ Alle Lösungen, die zur Zeit versucht würden, seinen daher zu einem gewissen Grad nur experimentell.

Der Botschafter betont dabei die Wichtigkeit, die Migrationsflüsse in der EU besser kontrollierbar zu machen, und das heißt nach außen hin Grenzkontrollen und im Innern eine Erfassung der Flüchtlinge. „In einem geordneten Rechtssystem kann man nicht lange dulden, dass sie sich nach Belieben über die Grenzen hinweg bewegen – ohne Registrierung und ohne Papiere“, befindet er.

Wichtig sei dabei, dass innenpolitische Diskurse nicht zu Verstimmungen mit den Nachbarn führten. Denn dann entstehe politischer Schaden, der langfristige Folgen haben kann. Immerhin stehe die Bevölkerung in Österreich den Flüchtlingen überwiegend freundlich gegenüber. Sein Land komme ohne Lager aus und nehme rund ein Fünftel der eintreffenden Flüchtlinge bei sich auf. Trotz unvermeidbarer Probleme seien die Österreicher immer noch extrem hilfsbereit. Die Frage stelle sich aber dennoch, wie lange noch und in welcher Dimension eine Bewältigung möglich sei.


Startrampe für den Nachfolger

Nach seinem Fortgang wird sich Trauttmansdorff nahe der tschechischen Grenze niederlassen. Auch wenn er sich nun aus dem Diplomatenleben zurückzieht, will er weiterhin aktiv bleiben und in Budapest Diplomatie und Völkerrecht unterrichten. „Es würde mir nicht entsprechen, von nun an nur noch Bücher zu lesen“, bekennt er mit einem Schmunzeln.

Politische Ambitionen dagegen können ihn nicht reizen: „Sich in einer Partei in eine Position hochzukämpfen, in der man etwas gestalten kann, das macht die Leute kaputt. Da war ich hier sehr verwöhnt, denn wir Diplomaten können relativ viel entscheiden, ohne dass wir jemanden fragen müssen.“

Nächstes Jahr wird sein Nachfolger Alexander Grubmayr eintreffen. „Ich gehe nun gerne weg, weil ich weiß, dass die Botschaft in guten Händen sein wird“, kann Trauttmansdorff beruhigt feststellen. „Der Weg ist vorgegeben, weil nun Österreich und Tschechien in die gleiche Richtung arbeiten.“


ManSprichtDeutsch.cz / MK - Prag, 09.11.2015
Foto: Österreichischen Botschaft Prag