Politik in Tschechien

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Tschechiens Präsident rutscht unter der Gürtellinie

Zeman schockiert Tschechen mit höchst vulgären Aussagen
Von Hans-Jörg Schmidt


Prag - Der tschechoslowakische Staatsgründer Tomas G. Masaryk äußerte sich einst zu politischen und gesellschaftlichen Grundfragen in legendären Gesprächen mit dem Schriftsteller Karel Capek. Vaclav Havel, der sich in manchem in der Tradition Masaryks sah, nahm nach 1989 diesen Faden in gewisser Weise auf und meldete sich regelmäßig an jedem Sonntag in den „Radiogesprächen aus Lany“, seinem Sommersitz. Die Tschechen scharten sich seinerzeit regelrecht um die Radioapparate, wusste Havel doch stets kluge Dinge von sich zu geben. Havels Nachfolger Vaclav Klaus mochte an diese Tradition nicht anknüpfen. Erst der amtierende Präsident Milos Zeman erklärte sich wieder bereit, dem 1. Programm des Tschechischen Rundfunks - Radiozurnal - alle Vierteljahr ein einstündiges Interview zu gewähren.

Bislang liefen diese Gespräche mit dem Chefredakteur des Senders, Jan Pokorny, relativ zivilisiert ab, wenngleich Zeman nie mit seinen ebenso beliebten wie fragwürdigen Bonmots sparte und Pokorny stellvertretend für alle von ihm ungeliebten tschechischen Journalisten gern als „Schwachkopf“ hinzustellen versuchte. Am vergangenen Sonntag schlugen Zemans Äußerungen jedoch ein wie eine Bombe.

Der Präsident bediente sich dabei mehrfach grob vulgärer Worte, die eigentlich in einer seriösen Zeitung nicht zitierfähig sind. Zeman wurde unter anderem auf seinen kürzlich Besuch in China angesprochen, wo er exemplarisch eine Abkehr von der Havel’schen Menschenrechtspolitik vollzogen und den Pekinger Machthabern für bessere Wirtschaftskontakte alles Mögliche versprochen und mit keinem Wort die Menschenrechtsfrage auch nur erwähnt hatte. 

Thema war auch Zemans großes Verständnis für den Kurs von Kreml-Chef Wladimir Putin im Ukraine-Konflikt. In diesem Zusammenhang äußerte sich Zeman auch über frühere politische Gefangene in Russland. Dabei nannte er die Mitglieder der Frauen-Band Pussy Riot „pornografisch“. Zeman „übersetzte“ dann den Begriff „pussy“ ins Tschechische. Dafür wählte er wiederholt einen Begriff, der im Tschechischen höchstens von Pubertierenden grob vulgär für das weibliche Geschlechtsteil benutzt wird - den Begriff „Fotze“. Die Texte von Pussy Riot seien voll davon: „Fotze hier, Fotze da….“, parlierte Zeman. Im Laufe des Gesprächs bediente sich der Präsident weiterer schlimmer vulgärer Ausdrücke, die nicht weiter zitiert werden müssen.

Auf die Frage des Radio-Chefredakteurs, weshalb er sich in dieser Art äußere, sagte Zeman, er habe sich von seinem einstigen Gegenkandidaten um das Präsidentenamt, Karel Schwarzenberg, inspirieren lassen, der angeblich in jedem zweiten Satz das Wort „Schei…“ benutze. 

Der Aufschrei in Tschechien ist jetzt groß. Beim Rundfunkrat gab es so massive Beschwerden, dass der sich jetzt mit der Sache befassen wird. Im Radio gehen die Mitarbeiter davon aus, dass man eine Strafe wird zahlen müssen. Der Sender verteidigte sich am Montag mit einer Erklärung. Das sei eine Live-Sendung „immerhin mit dem Präsidenten“ gewesen, die man nicht so einfach habe abbrechen können, wenngleich man es eigentlich gemusst hätte.

In den sozialen Medien wie Facebook machte man sich einen riesigen Spaß aus dem Zeman-Ausrastern: dessen Äußerungen wurden unter anderem zu einem Rap verfremdet, zur Musik eines Titels von Modern Talking

Die Politiker fanden die Aussagen Zemans weniger lustig. Mehrere meinten, Zeman habe mit seinen vulgären Sprüchen ablenken wollen von seinem skandalösen Auftritt in China. Und in der Tat redete am Montag kein Tscheche darüber; alle redeten nur über die vulgären Worte des Präsidenten. Im Radio interviewten sie einen Sprachexperten, der außer sich war vor Schock: Zeman habe „Gossensprache“ aus den „Kneipen der untersten Preisklasse“ benutzt. Die Lehrer dürften sich nicht wundern, wenn die Schüler jetzt auch so redeten. Die hätten nun immer die Ausrede, dass auch der Präsident Worte in den Mund nehme, die man schlicht und ergreifend nicht sage.

Es ist gut möglich, dass das Radio die „Gespräche aus Lany“ auf Eis legen wird. Bis Zeman einen Nachfolger hat. Einen seriösen.