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Die “Fackel Nummer 1” erlosch sehr rasch

Tschechen erinnern sich der grausamen Selbstverbrennung von Jan Palach neu

Von Hans-Jörg Schmidt

Prag - Vsetaty ist ein verschlafenes Nest eine knappe Autostunde nördlich von Prag. Kein Mensch in Tschechien außer den Leuten aus der Umgegend würde den Ort kennen, wäre er nicht mit einem berühmten Namen verbunden. Dem des Studenten Jan Palach, der sich vor 45 Jahren auf dem Prager Wenzelsplatz in einer politisch motivierten Verzweiflungstat selbst verbrannte.

Schnee würde derzeit dem Ort gut tun. Der würde verdecken, was jetzt bei frühlingshaften Temperaturen zu Tage tritt. Das Haus, in dem Jan Palach groß geworden ist, beginnt zu zerfallen. Seine Angehörigen sind vor zwanzig Jahren ausgezogen, haben das Haus verkauft. Der neue Besitzer hat dort nie darin gewohnt. Er hat sich auch nie um das Anwesen gekümmert.

Im Erdgeschoss hat einst der Vater von Jan eine Konditorei betrieben. Bis die Kommunisten ihm den “Privatbetrieb” wegnahmen. So, wie jeder private Bäcker, Fleischer oder Schuhmacher in der damaligen Tschchoslowakei “nationalisiert” wurde. Oder, wie die Ostdeutschen sagen würden: in “Volkseigentum” umgewandelt wurde. Jans Vater hat fortan in einem anderen Ort in einer “volkseigenen” Bäckerei anschaffen müssen. Als der Bursche Jan noch zur Schule ging, starb der Vater. Vergrämt, weil er seinen Besitz hatte aufgeben müssen.

Jan brach Jahre später aus seiner kleinen Welt in Vsetaty aus, begann in Prag an der Philosophischen Fakultät der Karls-Universität zu studieren. Er war kein Super-Student, eher ruhig, zurückgezogen, introvertiert. Aber er war politisch hellwach. Zum ersten Mal hatte ihn der “Prager Frühling” aufgewühlt. Jene Zeit zwischen Januar und August 1968, als Tschechen und Slowaken unter dem Chef der Kommunistischen Partei, Alexander Dubcek, einen “dritten Weg” zu beschreiten begannen. Einen Weg, der dem Sozialismus in der Tschechoslowakei ein “menschliches Gesicht” geben sollte. Ein Weg, der am 21. August jenes Jahres jäh endete. Truppen des Warschauer Pakts marschieren in das Land ein und zermalmen die süße Hoffnung unter ihren Panzerketten. Dubcek und Genossen werden nach Moskau verschleppt und genötigt, die “brüderliche Hilfe” abzusegnen und einem “zeitweiligen Aufenthalt” (am Ende waren es mehr als 20 Jahre) der Sowjets im Lande zuzustimmen. Das ganze Land gerät in Schockstarre, auch, weil der Westen tatenlos zusieht. Die Tschechoslowakei liegt im Einflussbereich Moskaus. Da mag man sich nur verbal einmischen - mit zahnlosen Protesten. Tschechen und Slowaken resignieren. 

Am 16. Januar 1969, einem kalten, diesigen Tag, fährt Palach aus Vsetaty nach Prag. Gegen vier Uhr nachmittags erreicht er den zentral gelegen Wenzelsplatz. An einem Brunnen vor dem Nationalmuseum, dessen Fassade die Einschüsse der Salven aus russischen Waffen offenbart, entledigt er sich seines Mantels. Er atmet aus einem Fläschchen den Dampf von Äther ein, übergießt sich aus zwei Eimern mit Benzin und zündet sich selbst an. Dann läuft er als lebende Fackel in Richtung des Wenzels-Denkmals. Passanten ergreift Panik. Ein Angestellter der Straßenbahn reagiert geistesgegenwärtig, reißt sich den Mantel vom Leib und versucht, die Flammen, die sich durch die Kleidung des 21-Jährigen fressen, zu ersticken. Ein Krankenwagen fährt den schwer Verletzten in ein Krankenhaus. Dort sagt Palach unter höllischen Schmerzen: “Ich bin kein Selbstmörder!” In einem Brief, den die Polizei findet, hat er geschrieben: “In Anbetracht dessen, dass sich unsere Völker (Tschechen und Slowaken - SZ) am Rande der totalen Hoffnungslosigkeit befinden, haben wir beschlossen, unseren Protest zu erheben und das Volk ... wachzurütteln.” 

Palach nennt sich “Fackel Nummer 1”. Weitere würden seinen Weg gehen. Später sollte sich erweisen, dass es keine Gruppe gab. Kurz vor seinem Tod rief er 2die vermeintlichen anderen “Fackeln dazu auf, seinem Beispiel nicht zu folgen. Dennoch zündeten sich später zahlreiche Tschechen an, die sich auf Palach beriefen. Wirklich politische Motive hatten aber nur wenige von ihnen.

Die Selbstverbrennung Palachs rüttelte die Tschechen auf. Emotionalisiert, nahmen Zehntausende an einer Trauerfeier in Prag teil. Mehr noch: im ganzen Land gab es Trauermärsche. Doch die Fackel Nummer 1 verlosch im übertragenen Sinne sehr schnell. 

Es bedurfte des 45. Jahrestages des schrecklichen Ereignisses, um die Folgen dieser Tat neu zu bewerten. Den Anfang machte eine zweiseitige Diskussion in der “Lidove noviny”. “Schon ein halbes Jahr später”, so der ehemalige Sprecher der Bürgerrechtsbewegung “Charta 77” und evangelische Pfarrer Milos Rejchrt, “sprach niemand mehr über Palach.” Petruska Sustrova, Ex-Dissidentin, widerspricht: “Die politische Führung tat Palachs Tat als schnöden Selbstmord ab, obzwar die Mehrheit der Gesellschaft von einem ‘Opfer’ sprach.” Der Politologe Ondrej Slacalek begründet das wachsende Vergessen damit, dass sich niemand vorstellen konnte, diese grausame Todesart nachzuvollziehen. Der Historiker Jakub Jares konstatiert, dass es 1969 schon keinen ausreichenden Widerstand mehr gab gegen die Besetzung.

Und der Journalist der Tageszeitung “Lidove noviny”, Jiri Penas, meint gar, Tschechen und Slowaken seien recht schnell zufrieden damit gewesen, “dass die Russen gekommen sind, dass Ordnung einzog, dass nicht die Sudetendeutschen ins Land gekommen sind und ihr altes Eigentum zurück verlangt haben.” Rejchtr ergänzt: “Anfang der 1970er Jahre wurde der freie Samstag eingeführt, den die Menschen auf ihrem Wochenendgrundstück verbrachten. Die Tschechen haben sich ins Private zurück gezogen, dies genossen und an Jan Palach keinen Gedanken mehr verschwendet.”

Schwejk lässt grüßen, sagt einem die zitierte Debatte aus der Zeitung “Lidove noviny”. Oder: Das Leben musste ja irgendwie weiter gehen. Oder nochmals oder: “Kaum ein Volk wie unseres ist so anpassungsfähig.” Worte der Dolmetscherin aus meiner Prager Anfangszeit, Marie Novotna. Sie hatte die “Charta 77 unterschrieben und wurde später von der Staatssicherheit genötigt, ihre Unterschrift zurückzunehmen. ‘Sie wollen doch, dass ihre Tochter studieren kann, oder?’, hatte man sie erpresst. Frau Novotna hat ihren Moment der Schwäche bis zu ihrem Tod nicht verarbeitet. Sie tröstete sich damit, dass sie nach 1989 ihre bis zu den Hacken reichenden Haare nicht kürzen ließ. “Ich hatte bei Gott geschworen, dass ich die Haare erst kürzen lassen, wenn die Russen endgültig aus unserem Land verschwinden. Als die Russen dann abzogen, habe ich es dann doch noch nicht fertig gebracht, meine Haare abschneiden zu lassen.”

Der zitierte Verweis auf die Sudetendeutschen gibt zu Denken. Und er erklärt, wie groß - bis heute - das Trauma der Tschechen mit der Vertreibung jener Volksgruppe verbunden ist, die 800 Jahre auf nach 1918 tschechoslowakischem Gebiet gelebt hat. Im Grunde lässt sich damit eine ganze logische Kette ziehen: die beginnt mit dem Münchner Abkommen 1938, als die Westmächte die Tschechoslowakei Hitler zum Fraß vorwarfen. Sie erkärt, weshalb der im Londoner Exil lebende Präsident Edvard Benes einen Pakt mit Stalin schloss, weil die Westmächte ihn verraten hatten. Und sie verdeutlicht, weshalb die Tschechen nach dem Krieg mehrheitlich - nebenbei bemerkt - anders als die Slowaken die Kommunisten wählten. Als einzige in Mittel-Osteuropa. Die Folge waren 40 Jahre unter kommunistischer Herrschaft. Davon will heute freilich niemand mehr in Tschechien etwas wissen.

Dieser Tage hatte Vsetaty, das Lebenszentrum von Jan Palach, hohen Besuch. Abgeordnete des tschechischen Parlaments waren gekommen, um sich das Haus anzusehen, in dem Jan seine Kindheit und Jugend verbracht hat. Außer einer streunenden schwarzen Katze im Garten hat sie dort niemand empfangen. “Man muss hier dringend etwas tun”, sagte einer der Prager Volksvertreter. Er sagte es mit großer Bestimmtheit. Einer Bestimmtheit, die Hoffnung macht. Ein Jan-Palach-Museum fehlt bislang in Tschechien. Im Geschichtsunterricht kommt man derzeit in tschechischen Grundschulen nicht annähernd bis zum Schicksalsjahr 1986. Und die, die in den Familien darüber erzählen könnten, schweigen. Nach dem Motto: “Wer erzählt schon gern über Niederlagen?”


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