Nachrichten aus Tschechien

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„Virus-Erkrankung“ oder: Tschechiens Wort des Jahres 2013

Von Hans-Jörg Schmidt

Prag – Da haben die Tschechen ausnahmsweise mal etwas Nettes von den Deutschen gelernt: seit mehreren Jahren küren auch sie ein „Wort des Jahres“. Das macht keine Jury, sondern seit einiger Zeit die Redaktion der Tageszeitung „Lidove noviny“ beziehungsweise die Leser der Internetausgabe besagter konservativer Zeitung. In diesem Jahr fiel das „Wort des Jahres“ in beiden Fällen beinahe gleich aus: In der Redaktion landete „viroza“ (Virus-Erkrankung) auf dem 2. Platz, bei den Lesern aber auf Platz 1.

Virus-Erkrankung erinnert an eine Begebenheit, in deren Mittelpunkt der neue Präsident Milos Zeman stand. Bei der Eröffnung einer Ausstellung der böhmischen Krönungsinsignien wankte er heftig angeschlagen neben anderen hochrangigen Politikern, die sich sichtlich wenig amüsiert über den Zustand Zemans zeigten. Der Präsident war zu der Ausstellungseröffnung geradewegs aus der russischen Botschaft gefahren worden, wo er sich auf einem Empfang Augenzeugen zufolge mehrere Wodka hinter die Binde gekippt hatte. Die Aufnahmen von der folgenden Ausstellungseröffnung wurden blitzartig bei YouTube ins Internet gestellt. Dort wurden sie ein großer Renner.

Die Präsidialkanzlei fühlte sich seinerzeit zu einer „Erklärung“ veranlasst. Der Präsident sei mitnichten angetrunken gewesen, sondern habe unter einer „viroza“, einer Virus-Erkrankung mit Fieber, gelitten, verlautbarten die Untergebenen Zemans.

Die Tschechen schütteten sich aus vor Lachen. Sie kennen ihren „Pappenheimer“ von der Prager Burg. Schließlich hatte Zeman selbst ganz stolz zugegeben, täglich Wein und Pflaumenschnaps in Mengen zu sich zu nehmen, die bei jedem normal Sterblichen eine Überweisung in eine Trinkerheilanstalt rechtfertigen würden. Der Präsident hatte seine Gewohnheiten damit verteidigt, dass auch Churchill täglich Unmengen Whisky und Sekt zu sich genommen habe, während Hitler abstinent gewesen sei. „Und wer hat den Krieg gewonnen?“, fügte er schmunzelnd fragend hinzu.

Der Autor dieser Zeilen hatte schon vor mehr als 15 Jahren entsprechende Erfahrungen mit Zeman machen dürfen. Zu Beginn eines Interviewtermins fragte ihn Zeman, was der „Herr Redakteur“ gern trinken würde: "Becherovka, Cognac oder Campari orange?" Der „Herr Redakteur“ verwies auf die vormittägliche Stunde – es war 9.30 Uhr – und fragte vorsichtig, ob er womöglich auch einen normalen Kaffee bekommen könnte? Er erntete dafür ein mitleidiges Lächeln von Zeman, der zum Campari griff.

Der Begriff „viroza“ ist seit der Ausstellungseröffnung zu einer stehenden Wendung im Tschechischen geworden und hat einen über Jahrzehnte gebrauchten Begriff abgelöst. Früher sagte man über einen Betrunkenen liebevoll, er sei „in Gesellschaft ermüdet“. Jetzt also leidet er unter einer „Virus-Erkrankung“. Nebenbei bemerkt haben die Leibärzte Zemans dem Präsidenten nach dem Vorfall die täglichen Rationen für den Genuss alkoholischer Getränke ebenso drastisch gekürzt, wie sie auch seinen Zigarettenkonsum brutal von täglich 40 auf 20 halbierten. Dem Vernehmen nach soll sich Zeman „so ziemlich“ daran halten.

Auf einem vorderen Platz in der Umfrage landete auch der Begriff „Haskovani“. Der ist vom Namen des einst stellvertretenden Vorsitzenden der tschechischen Sozialdemokraten, Michal Hasek, abgeleitet. Der hatte sich nach dem schwachen Abschneiden seiner Partei bei den Parlamentswahlen in diesem Herbst mit einigen Getreuen beim Präsidenten eingefunden, um den Chef der Partei, Bohumil Sobotka, wegzuputschen. Hasek leugnete in einem nachfolgenden Interview des Tschechischen Fernsehens, dass dieses Treffen überhaupt stattgefunden hatte. Innerhalb von zweieinhalb Minuten des Interviews verneinte er das Treffen ganze elfmal. Das sei alles nur eine erdachte Geschichte. Einen Tag später musste er zugeben, dass er im Fernsehen gelogen hatte. Einer der anderen Teilnehmer hatte das Treffen bestätigt. Seither gilt der Begriff „Haskovani“ im Tschechischen als Synonym für „wissentliches Lügen von Politikern“. Hasek hat die Aktion seine Karriere gekostet. Zeman hat sich amüsiert über seine bis dahin wichtigste Marionette in der Führung der Sozialdemokraten geäußert und ihn eiskalt wie eine heiße Kartoffel fallen lassen.

Den dritten Platz bei den Lesern der „Lidove noviny“ belegte schließlich das Wort „odbornik“ (Experte). Auch das hängt mit Zeman zusammen: Nach dem Ende der bürgerlichen Regierung von Premier Petr Necas, die über eine Korruptionsaffäre gefallen war, hatte der Präsident eine „Experten-Regierung“ berufen. Die „Experten“ waren zum größten Teil Leute aus seiner eigenen Partei gewesen – den „Zemanovcis“. Die Opposition spottete seinerzeit über eine „Regierung der Kumpel Zemans“, die mit „Experten“ nichts, aber auch gar nichts zu tun habe. Immerhin hat besagte Regierung aber selbst ein Misstrauensvotum im Parlament überlebt und regiert immer noch – als „Regierung in Demission“. Das liegt an der seltsamen tschechischen Verfassung, die derlei gestattet. Diese Regierung hat das Land massiv weiter verschuldet, zig Staats-Aufträge ohne Ausschreibung verteilt und tatsächliche Experten zu Dutzenden aus ihren Ämtern gejagt. Womöglich gehört folgerichtig der Begriff „Regierung in Demission" im kommenden Jahr zu den Favoriten für das tschechische „Wort des Jahres“.


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