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„Ich hatte einen wunderbaren und erfüllten Lebensweg“

sagte Helena Štáchová vor zwei Jahren in einem Interview mit unserem Partnermagazin LandesEcho.

In der Nacht zum Mittwoch ist die Mama von Spejbl und Hurvínek nach langer und schwerer Krankheit verstorben.

Mehr als 50 Jahre lang gehörte Štáchová zum bekannten Spejbl und Hurvínek Theater. Nach dem Tod ihres Ehemanns und Theaterdirektors Milos Kirschner, übernahm sie 1996 die Leitung des Puppentheaters. Lange Jahre führte und sprach sie selbst die Figur des Mädchens Manička.

In Gedenken an die Grande Dame des tschechischen Puppentheaters veröffentlichen wir das LandesEcho-Interview hier online.

Von Lucie Drahoňovská, LandesEcho


Sie haben fast Ihr ganzes Leben mit Ihren Holzpuppen verbracht. Doch ihre erste Begegnung mit ihnen deutete keinesfalls darauf hin, dass sie zur passionierten Puppenspielerin werden.

Das stimmt. Ich war ein kleines Kind, als mich meine Eltern zum ersten Mal in das ehemalige Spejbl- und-Hurvínek- Theater in Římská-Straße auf den Prager Weinbergen (Vinohrady) mitnahmen. Doch ich erschreckte mich während dieser Vorstellung dermaßen, dass ich zu schreien anfing. Und deshalb sind wir damals schnell aus dem Theater geflüchtet.

Was hat Sie denn damals so erschreckt?

Der Geist, der im Stück erschienen ist. Und obwohl man das ! Theater später grundlegend umgebaut hat, weiß ich noch heute, wie es dort damals ausgeschaut hatte und aus welcher Loge ich damals das Märchen auf der Bühne gesehen habe.

Sie kommen aus einem intellektuellen Familien-Milieu. Ihre Mutter war, als Griechisch-, Latein- und Philosophielehrerin sprachbegabt, ihr Vater arbeitete als Ingenieur und spielte Viola. Wie denken Sie an ihre Kindheit zurück?

Ich bin meinen Eltern für die kulturelle Einlage unendlich dankbar. Da wir damals weder Fernsehen noch Computer hatten, haben wir uns Büchern gewidmet. Und wir hörten Musiksendungen im Rundfunk, die uns die Welt der Musik näher brachten. Und wir unterhielten uns viel, über alles Mögliche. In der Freizeit machten wir gemeinsame Ausflüge. Meine Erziehung verlief auf eine sehr leichte und spielerische Art. Das halte ich bis heute für den idealen Weg, in einem Kind das Interesse für Kultur und die schönen Künste zu wecken. Und nicht etwa, dass man ihm weiße Strümpfe anzieht und ab und zu in die Oper schickt.

Ihre Kinder, Tochter Denisa und Sohn Mikki, gehören bereits zum Ensemble des Spejbl-und-Hurvínek Theaters. Kam das von selbst, oder mussten Sie sie dazu überreden?

Das hat sich von selbst ergeben. Während sich Mikki von Anfang an von den Puppen sehr angezogen fühlte und die einzelnen Stücke sehr genau analysierte, wollte sich Denisa zuerst nicht im Theaterleben engagieren. Sie bewies dann doch einen Hang zu Erzählungen, indem sie eigene Texte zu schreiben begann. Als sie dann später ihr Vater Miloš Kirschner überredete, einen Dialog zu verfassen, war er verblüfft, wie gut sie das gemeistert hatte. Sie absolvierte dann ein Studium der Kulturwissenschaften an der Prager Karlsuniversität. Heute arbeitet sie in unserem S+H-Theater als Dramaturgin. Darüber hinaus schreibt sie Bücher, Drehbücher und macht Öffentlichkeitsarbeit für das Theater. Vor vier Jahren hat sie auch das Buch Spejbl a Hurvínek na nitkách osudu (Spejbl und Hurvínek an den Schicksalsfäden) verfasst. Darin schildert sie die Geschichte unseres Marionettentheaters und der Menschen, die mit ihm ihr Leben verbunden haben. Auf diese Weise ist zu unserer Chronistin geworden.

Und wie hat sich es mit ihrem Sohn Mikki?

Das verlief ganz anders. Ihn verzauberten unsere Marionetten sofort. Doch sein Vater hat ihm davon stets abgeraten, da er allzu gut alle Risiken kannte, die die Kunst mit sich bringt. Und deshalb hat Mikki zuerst Design studiert und danach die Filmhochschule absolviert. Er macht seine eigenen Doku-Projekte in Indien, führt Regie und illustriert Bücher. Zu unserem Theater zog es ihn jedoch immer wieder dermaßen stark, so dass auch er schließlich zu einem Mitglied unseres Ensembles geworden ist. Als solches hat er mich oft überrascht, sei es mit seinen Drehbüchern oder mit Marionetten- und Bühnenentwürfen. Wie man sieht, half auch bei ihm nichts. Und so hat sich der Zirkel irgendwie geschlossen.

Damit lastet auf Ihren beiden Kindern jedoch gleichzeitig eine große Verantwortung.

Es tut mir immer wieder leid, wenn ich ab und zu Stimmen höre, dass wir ein Familien-Unternehmen seien, und dass ich meine Kinder begünstige. Ich halte es für ein großes Geschenk, dass sie beide an unserem Theater interessiert sind. Ich bin zwar sehr glücklich, dass sie unsere Tradition fortsetzen. Doch ich würde keinen von Beiden zu dieser Verantwortung irgendwie zwingen. Darüber hinaus würde ich mich nie trauen, sie hierher einzuladen. Dieser Vorschlag fiel zuerst seitens meiner Theaterkollegen, und nicht von mir. Meine Kollegen schätze ich übrigens sehr hoch Martin Klásek, zum Beispiel, der sehr talentiert ist und mit meinem Mann bis zu dessen Tod eng zusammenarbeitete. Außer ihm haben wir in unserem Ensemble viele weitere begabte Künstler aufgenommen. Was meine Kinder angeht, sind sie sich beide sehr bewusst, dass sie eine große Verantwortung übernommen haben und zur Seele dieses Theaters wurden. Wer sollte es eigentlich sonst werden, wenn nicht die, die mit unserem Familien-Unternehmen so eng verbunden sind? Und obwohl ich natürlich egoistisch bin, beneide ich sie wirklich nicht darum. Denn ich weiß sehr wohl, wieviel Einsatz und Energie das von ihnen abverlangt.

Gerade darüber erzählen sie ausführlich in ihren Memoiren Život na nitích (Leben an Fäden), das auch in deutscher Sprache erschienen ist. Was war ihr Impuls zum Schreiben?

Ich habe begonnen meine Erinnerungen zu Papier zu bringen, als es mir wirklich sehr elend ging. Nach dem Tod meines Mannes wurde ich von dem Ensemble zur Prinzipalin ernannt. Auf einmal hatte ich diese enorme Verantwortung für alle Menschen um das Theater herum. Einige von ihnen waren uns ja ihr ganzes Leben lang treu geblieben. Darüber hinaus brach infolge eines langwierigen Gerichtsverfahrens um die Schutzmarke von Spejbl und Hurvínek, die wir schlussendlich gewannen, bei mir eine Krebserkrankung durch. Ich wusste wirklich nicht, wie lange ich noch leben würde. Und obwohl ich selbst kein bekennender Fan von Autobiographien bin, habe ich im Schreiben eine Möglichkeit gesehen, nicht nur über meine Person, sondern auch über das Theater und nicht zuletzt über Miloš Kirschner zu erzählen, der zu meinem Guru und später auch zu meinem Lebens-und gleichzeitig Bühnen-Partner geworden ist.

Trotz ihrer schwierigen Situation wirkt das Buch im Ganzen dennoch sehr optimistisch.

Ich musste es schreiben, um auf andere Gedanken zu kommen. Ich wollte meinen Kindern ein Zeugnis über unser Leben erbringen. Das Leben ist halt so, in einer Minute schön und in der anderen furchtbar. Und das trifft viele von uns. Ich hatte einen wunderbaren und erfüllten Lebensweg. Wie ich es aus den Reaktionen vieler Menschen beurteilen kann, haben sie meine Memoiren angesprochen. Deswegen halte ich meine Botschaft als erfolgreich. Viele Menschen erleben gleiche Qualen, die ich damals erlebte und es ist gut zu wissen, dass sie damit nicht alleine sind. Dass das Leben auch nach allen Tragödien wieder gut sein kann, dass man Schlimmes im Laufe der Zeit vergisst und dass man wieder lachen kann.

Und das kann man in ihrem Theater viel. Nicht nur auf der Prager Heimatbühne, oder in unzähligen Orten Tschechiens, wo Sie auftreten, aber auch im Ausland. Denn seit Jahrzehnten gehört das S+H Theater zu den berühmtesten Exportartikeln des Landes.

Das stimmt. Sehr gerne und sehr häufig treten wir vor einem deutschen Publikum auf, denn Deutschland ist unsere zweite Heimat. Gemeinsam sind wir dort auch mit Karel Gott aufgetreten. Ich mag die Deutschen sehr. Denn sie haben eine große Sprachkultur-Tradition, sie diskutieren gerne über verschiedene Gesellschaftsfragen. Und es kommt bei ihnen sehr gut an, wenn wir während unserer Vorstellung gesellschaftliche Themen ansprechen, sei es auch in einer komischen Form. Sie verstehen daher unser Spejbl-Hurvinek-Duo, da sie unterschwellig gerade auf solche Diskussionen eingestellt sind. Dazu kommt, dass sich unsere Holzpuppen vieles mehr erlauben können, als ein Schauspieler aus Fleisch und Blut. Es gilt bei uns jedoch im Allgemeinen, dass wir keinen Frontalhumor einsetzen, in dem man alles sagen kann. Man kann sich heute zwar alles denken, aber man sollte es nicht direkt aussprechen. Und gerade darin liegt meiner Meinung nach das Spezifikum des tschechischen Humors. Seine Grundlage wurde in vergangenen Zeiten gelegt, als man nicht erklären, sondern nur anzudeuten brauchte, was man nicht offen aussprechen durfte. Und darin bestand der eigentliche Zauber der Verschwörung, der zwischen dem Publikum und uns lag. Da unsere Holzhelden einzigartige Wortclowns sind, sprechen sie keinesfalls vulgär, sondern sie haben einen Humor, der ihr Gegenüber zum Nachdenken und gleichzeitig zum Lachen bringt. Zum Beispiel, wenn der Hurvínek seinen Vater Spejbl mit unendlichen Fragen quält. Es ist nur schade, dass wir in Deutschland vorwiegend für Erwachsene und nicht eigens für Kinder spielen.

Das Theater ist Ihr Lebenswerk. Woher schöpfen sie die ganze Energie?

Ich lese viel, höre Musik, gehe in Konzerte und in Theatervorstellungen. Die größte Entspannung stellt für mich jedoch ein langer Spaziergang mit meiner Hündin dar. Denn die Tiere haben in meinem Leben schon immer einen festen Platz gehabt.


Zur Person:
Helena Štáchová wurde 1944 in Prag geboren. Sie verfasste sieben Bücher und 52 Drehbücher, schrieb mehrere Bühnenstücke für Erwachsene und Kinder. Mit ihrem Berufs- und Lebenspartner Miloš Kirschner durfte sie weltweite Erfolge feiern. Ihre Vorstellungen spielten in mehr als zwanzig Sprachen. Das Spejbl-und-Hurvínek Theater ist dem deutschen Publikum so bekannt wie Karel Gott: Die deutsche Version des Audiobuches Spejbls Urlaub mit Hurvínek übertraf mit über einhunderttausend verkauften Exemplaren die Verkaufszahlen der Goldenen Stimme aus Prag.

Im Jahre 2013 wurden die beiden Legenden aus Holz mit dem renommierten tschechischen Theaterpreis Thalie ausgezeichnet. Im Jahre 2016 feierte das S+H-Theater in Prager Stadtteil Dejvice sein zwanzigjähriges Jubiläum und gleichzeitig Hurvineks 90. Geburtstag.

Mehr dazu auf der Webseite des S+H-Theaters unter www. spejbl-hurvinek.cz.