Nachrichten aus Tschechien

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Big Brother ist überall

Videoüberwachung im öffentlichen Raum nimmt ständig zu
von David Binar

An die zwei Tausend Überwachungskameras haben gegenwärtig die tschechische Hauptstadt im Auge und in Zukunft sollen es bedeutend mehr werden. Die Stadtvertretung verabschiedete vergangene Woche ein neues Konzept zur Kriminalitätsprävention, zu dem auch die Erhöhung der Anzahl Kameras in den Straßen der Stadt gehört.


Foto: fotolia

Obwohl heute schon an die 90 Prozent der Stadtmitte von Kameras überwacht wird, sollen in nächster Zeit Dutzende neue Kameras jährlich installiert werden. Außerdem sollen funktionierende Kameras modernisiert werden. Bis ins Jahr 2020 will die Stadt für ihr Videoüberwachungssystem 583,5 Millionen CZK (mehr als 21 Millionen EUR) ausgeben.

"Wesentlicher Teil des Geldes wird für die Modernisierung des existierenden Überwachungssystems ausgegeben. Auf manchen Kameras kann man nämlich nichts erkennen," sagte der der Tageszeitung deník der für öffentliche Sicherheit zuständige Stadtrat Libor Hadrava (ANO). Die meisten neuen Kameras sollen die Videoüberwachung in den Randgebieten der Stadt verstärken. Gegenwärtig werden Vorschläge von den Bürgern und den einzelnen Stadtteilen ausgewertet, an welchen Plätzen neue Kameras installiert werden sollen.

"Neben der eigentlichen Videoüberwachung können die Kameras weitere verdächtige Aktivitäten erkennen, wie Fahrten in Gegenrichtung oder eventuelle Schusswechsel. Zudem können sie statistische Daten über die Zahl der PKWs und der Menschen sammeln sowie Verkehrsinformationen. Es geht also nicht nur um Sicherheit, sondern auch um Verkehrskontrolle. Außerdem sollen sie behilflich sein bei der Ausarbeitung des Konzeptes von Prag als moderne, intelligente Stadt," sagte dazu Dalibor Smažinka, Expert für Videoüberwachung der Firma Axis Communications.

Wie die Zeitung deník berichtet, sollen Teil des Städtischen Kamera-Systems (MKS) nicht nur fest installierte Videoüberwachungskameras sein, sondern auch Videokameras in Polizeiautos und sogar Smartphones und Tablets der Polizisten selbst. Nach Wunsch der Stadtvertreter soll Prag seine Augen überall haben.

Laut Hadrava hat die Stadt Prag sogar überlegt, Gesichtserkennungssoftware zu installieren. "Es ist eine Frage der Zukunft, die wir mit der Polizei regeln wollen," sagte er.

Diese Möglichkeit gebe es angeblich bereits, sagen Vertreter der oppositionellen Piratenpartei. "Man rechnet mit hochauflösenden Kameras mit hoher Speicherkapazität. Das ist letztendlich noch teurer, da die Kosten für Infrastruktur und Datenspeicher höher sind," sagte der Pirat Ondřej Profant.

Seiner Meinung nach bringen diese Maßnahmen letztendlich nichts. "In Großbritannien hat man herausgefunden, dass Videoüberwachungskameras die Kriminalität nicht senken. Taschendiebe lernen sich so zu benehmen, dass sie mit der Kamera nicht entdeckt werden. So ziehen sie die Mütze tiefer ins Gesicht und die von oben filmende Kamera kann sie nicht erkennen," führte Profant an. Die Piraten schlagen deshalb vor, die Überwachungskameras so zu installieren, dass sie die Privatsphäre möglichst wenig verletzen.

Eine andere Meinung vertritt die Sprecherin der Prager Polizei Andrea Zoulová. "Die Videoüberwachung hat unschätzbaren Wert. Dank der Informationen, die dieses System bietet, dauert es nur fünf Minuten bis im Notfall eine Polizeistreife am Tatort ist," meinte Zoulová. Ihrer groben Schätzung nach werde die Videoüberwachung in Prag jährlich in 25 Tausend Fällen verwendet.

Nicht nur die Piraten gehören zu lautstarken Kritikern der flächendeckenden Videoüberwachung. Die Organisation Iuridicum Remedium betreibt die Webseite mapakamer.cz (Karte der Kameras), die mehr oder weniger alle Überwachungskameras im öffentlichen Raum in ganz Tschechien anführt. Es kann sich dabei um Kameras der Stadt handeln, Verkehrskameras oder private Kameras.

Außerdem veranstaltet Iuridicum Remedium alljährlich den sogenannten Big Brother Awards Preis, der am 16. Februar bereits zu zwölften Mal vergeben wird. Die Antiauszeichnungen werden vergeben in den Kategorien "Langfristiger Schnüffler", "Firmenschnüffler", "Amtsschnüffler", "Spruch des Großen Bruders" und "Edward Snowden Preis für den Schutz der Privatsphäre".

Mehr über die "Schnüffler" gibt es auf Tschechisch auf www.slidilove.cz.

Auf dieser Karte können Sie herausfinden, wo überall Sie von Überwachungskameras gefilmt werden: www.mapakamer.cz


ManSprichtDeutsch.cz, Prag 07.02.2017