Nachrichten aus Tschechien

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Ende der Flucht aufs Land - Prag wird attraktiver

Von Hans-Jörg Schmidt

Über Jahre war die Einwohnerzahl Prags rückläufig. Vor allem Familien mit Kindern zogen raus ins Grüne. Dass sie Einschränkungen bei Versorgungseinrichtungen hinnehmen mussten, störte sie nicht. Hauptsache sei, so hieß es, das die Kinder in einer gesünderen Umwelt mit frischer Luft aufwachsen können. Anfangs war Bauland im Umland der Hauptstadt auch vergleichsweise billig zu haben. Doch das hat sich mit der steigenden Nachfrage geändert. Zudem stellen die Leute fest, dass die tägliche Fahrt nach Prag zur Arbeit wegen der gestiegenen Benzinkosten zu einem Kostenfaktor wird.

Jetzt hat sich der Trend gedreht. In den ersten drei Monaten dieses Jahres hat Prag reichlich viertausend Einwohner mehr bekommen. Darunter sind zahlreiche Ausländer, aber vor allem Zuzügler oder Rückzügler aus dem Umland. „Immer mehr junge Familien oder Menschen, die nach Absolvierung eines Studiums Arbeit in Prag gefunden haben, wollen sich eine Wohnung kaufen. Mit der Arbeit in Prag verbessert sich ihre Einkommenssituation derart, dass sich der Kauf der eigenen vier Wände lohnt“, erklärt Even Korec von einer Prager Immobilienfirma die Entwicklung der Zeitung „Mlada fronta Dnes“. „Wir verkaufen derzeit Wohnungen in nahezu kosmischer Geschwindigkeit.“

Die Stadtväter reagieren auf die Bedürfnisse der Neu-Prager. Die wollen in der Regel nicht in Plattenbausiedlungen am Rande der Stadt ziehen - auch wenn die in den letzten Jahren durch viel Grün attraktiver geworden sind. Begehrt sind Wohnungen in einer Lage nicht unmittelbar im Zentrum, aber doch zentrumsnah mit möglichst perfekter Verkehrsanbindung. „Wir wollen die Stadt auch nicht in der Breite ausdehnen, sondern zahlreiche Brachflächen, auf denen nicht mehr genutzte Industriebauten stehen, rekultivieren und für ein angenehmes Wohnen herrichten“, sagt Oberbürgermeister Tomas Hudecek.

Erste Projekte entstanden vor rund fünf Jahren. Etwa im Stadtteil Michle. Dort ist in unmittelbarer Nähe zum malerischen Botic-Bach auf einstigem industriellen Brachland ein hübsches Mini-Viertel aus etwa 20 vieretagigen Häusern hochgezogen worden. Dort leben heute vor allem Familien mit kleinen Kindern, denen gleich zwei große Spielplätze zur Verfügung stehen. Die Parterre-Wohnungen haben bis zu 70 Quadratmeter Terrasse und Vorgarten, die individuell gestaltet werden können. Die oberen Etagen-Wohnungen verfügen über großzügige Balkons oder Terrassen, auf denen es derzeit grünt und blüht. Verkehrstechnisch ist das Viertel perfekt per Straßenbahn und Bus mit dem großen Rest der Stadt vernetzt. In zehn Minuten gelangt man ins Zentrum. Kindergärten, Schulen, Restaurants, kleine Kneipen, kulturelle und Einkaufsmöglichkeiten gibt es reichlich. Die Autos finden in Tiefgaragen Platz. Um das viele Grün des kleinen Viertels kümmert sich regelmäßig eine Firma.

Die Wohnanlage am Botic-Bach, in der ich übrigens auch lebe, könnte Vorbildcharakter haben. Am meisten nachgefragt werden derzeit geräumige 2-Raum-Wohnungen mit integrierter Küche, reichlich Abstellraum und schönen Bädern zum Quadratmeterpreis von umgerechnet 1.500 Euro. In meinem Mini-Viertel dominieren noch 3-und 4-Raumwohnungen, die rund 5 Millionen Kronen (knapp 200.000 Euro) kosten. Zinsgünstige, langfristige Kredite machen den Kauf speziell für junge Familien mit zumindest einem Gutverdiener verlockend.

Entscheidendes Kriterium für viele ist die Verkehrsanbindung. Bevorzugt dabei wird die Nähe zu einer Station der Metro, mit der man am schnellsten durch Prag transportiert wird. Prag plant langfristig einen massiven Ausbau der Metro um gleich mehrere Strecken. Dort, wo der Bau absehbar ist, steigen schon heute automatisch die Preise für neu zu errichtende Wohnviertel.

Ein Vorteil der neuen Siedlungen auf einstigen Brachflächen ist, das diese in der Regel inmitten von schon existierenden Wohngebieten liegen. Damit entfällt der Bau von speziellen großen Einkaufszentren, von denen Prag schon mehr als genug hat. Zwar gehört der Einkauf der kompletten Familie namentlich an Wochenenden in den Super- und Hypermärkten schon zu den tschechischen Nationalsportarten; aber die täglichen Einkäufe machen die meisten denn doch lieber in kleinen Läden. Ich habe in meiner Ecke gleich drei solcher kleiner Lebensmittelgeschäfte, in denen ich täglich, also auch am Wochenende und an Feiertagen, bequem von 6 Uhr bis 23 Uhr das Wichtigste besorgen kann.

Derzeit werden gleich neun frühere Industriegelände in Prag für die Rekultivierung und den Bau kleiner Wohnsiedlungen ausgewiesen. Vier davon auf dem Gelände nicht mehr genutzter Güterbahnhöfe. Dort soll jedoch nicht alles platt gemacht werden. Nach Bürgerentscheiden werden die altertümlichen Gebäude der Bahn erhalten. Beispielsweise als künftige Kulturzentren.